Hein Verbruggen - UCI-Vorsitzender
für vier weitere Jahre?
Treviso/Italien. Als er beim 109. IOC-Kongress für seinen
Verband die wissenschaftliche Testreihe zum Thema EPO-Missbrauch
vorstellte, war Hein Verbruggen noch voller Optimismus: "ab
1. Januar sind wir von diesem Problem befreit." Die 360.000
Mark teure Untersuchung mit freiwilligen Versuchspersonen, soll
bis dahin belegt haben, dass ein zu hoher Hämatokritwert die
Folge von EPO ist. Die jüngsten Entwicklungen haben den
niederländischen Vorsitzenden der Union Cycliste International
(UCI) allerdings mutloser gemacht: "Es gib zu viele Menschen,
die nach einem Prügel suchen, um uns zu schlagen."
Trotz alledem denkt er nicht daran aufzugeben. Ursprünglich
wollte der umstrittene Vorsitzende der UCI 1991 nur für zehn
Jahre den Vorsitz der internationalen Radsport-Union innehaben,
doch am Wochenende ließ der
Marketing-Experte aus den Niederlanden wissen, er werde für
weitere vier Jahre zur Verfügung stehen. Seine Beweggründe:
die anstehenden durchgreifenden Veränderungen innerhalb des
Weltdachverbandes der
Radsportler und das Drängen verschiedener internationaler Verbände".
Auch aus IOC-Kreisen, ließ er wissen, habe es die Anforderung
an ihn gegeben, gerade jetzt nicht das Amt zu verlassen. Mit neuem
Elan blickt der vor neun Jahren im amerikanischen Orlando zum ersten
Mal gewählte Holländer in die Zukunft. "Der UCI-Kongress
hat eine Profiliga für den Radrennsport begründet",
sagte er im holländischen Massenblatt Telegraaf. "Hier
sind alle betroffenen Gruppen vertreten. der Rat bekommt weitgehende
Kompetenzen und soll als Vorsitzenden am besten einen erfahrenen
Radrennsportleer haben; der
wird dann meine rechte Hand. dadurch erhalte ich mehr Zeit, um mich
um andere Dinge zu kümmern."
Dass er während der großen Krisen-Touren in Frankreich
1998 und 1999 selten da war, wenn man ihn brauchte, hat Spuren hinterlassen.
Als 50-jähriger übernahm er 1991 den Vorsitz des Weltradsportverbandes.
Der frühere Präsident der Radprofis wurde die Nummer 1
der Radsportfunktionäre, als man vor acht Jahren die verschiedenen
Sektionen im Radsport unter ein Dach brachte. Zweieinhalb feste
Mitarbeiter zählte damals der UCI-Stab, heute sind es 20. Verbruggen
freut sich vor allem darüber, dass sein Verband professioneller
geworden ist. Während vor nicht allzu langer Zeit die Organisatoren
der großen Radrundrennen (Tour und Giro) dem Verband ihr Drehbuch
auf den Tisch legten, haben die UCI-Funktionäre mit Verbruggen
an der Spitze heute mehr Einflussmöglichkeiten, wie das Beispiel
Virenque zeigt.
Den Namen Verbruggen wird man vergeblich in den Annalen der großen
Radrennen und Radklassiker suchen. Verbruggen war kein Radrennsportler.
Schule hatte Vorrang, musste er oft von seiner Mutter hören.
In Helmond bei Eindhoven ist er groß geworden. An der Wiege
der Begeisterung für den Radsport stand Fausto Coppi. Verbruggen:
"Coppi in Den Bosch? - Wir fuhren hin."
Hier verbirgt sich auch seine große Verbundenheit mit dem
Radsport. Ebenso wie Coppi für den normalen Menschen fassbar
war, sei es heute ebenso mit einem so wie Jan Ullrich. Verbruggen
nach der Tour 1997: "Was so jemand wie Virenque für den
Radsport macht - unglaublich. Zu jeder Zeit für jeden ein freundliches
Wort; andere laufen mit hocherhobener Nase an den Leuten vorbei."
Verbruggen: "Radsportler sind für andere fassbar; da bin
ich verdammt stolz drauf."
So sehr Verbruggen, dessen Amtszeit eigentlich im Jahr 2001 unwiderruflich
ablaufen sollte, den Sportler achtet, sosehr ist er Gegner der Materialschlacht
im Radsport. "Ich glaube, dass unser Sport vom Kampf gegen
die Elemente lebt, nicht so sehr vom Material." Und- so Verbruggen
in einem Interview mit der linksliberalen Volkskrant: "Ich
würde gar die Behauptung wagen, dass der durchschnittliche
Westeuropäer Radsportlern den Dopingkonsum eher vergeben als
anderen. Radsportler müssen soviel tun."
4-Okt-1999