Pieter van den Hoogenband -
Eigentlich wollte er Fußballstar werden
Von Egon Boesten
Eindhoven/Sydney. Mit sieben Jahren schaute er in Eindhoven zu,
wenn Ruud Gullit für die Philips-Sportvereinigung (PSV) die
Fäden zog und auf dem Fußballfeld zauberte. Ein Jahr
später feierte er mit seinem Vater und vielen anderen Fußballfans
im kleinen Geldrop den Europacupsieg des PSV Eindhoven. Sein Traum
schwebte klar vor seinen Augen: Pieter van den Hoogenband wollte
Fußballer werden.
Dass aus dem Wunschtraum nichts wurde, wussten in den Niederlanden
bereits ein paar Eingeweihte. Nach den ersten Tagen von Sydney weiß
es die ganze Sportwelt. Pieter van den Hoogenband ist- nach, neben,
vor (?) - dem großen Ian Thorpe die Schwimmpersönlichkeit
dieser Olympischen Spiele. Mit genau der gleichen Lockerheit, wie
er das Wasser durchpflügt - einige vergleichen seinen Brustkorb
schon mit zwei muskulösen Kufen eines Luftkissenbootes - genau
so, geht er auch mit Fragestellern um. Nach seinem Weltrekord über
100 Meter Kraul, lächelte er in die Kamera des niederländischen
Fernsehens und meinte nur: "Das ist nicht normal."
Im Sommer des vergangenen Jahres hatte er mit seinem Europameistertitel
zum ersten Mal ernsthaft an der Domäne des russischen Wunderkraulers
Alex Popov. Bondscoach Stefaan Obreno charakterisiert den Mann aus
Eindhoven: "Pieter schwimmt asozial schnell." Die Schnelligkeit
nimmt der 21-jährige aus dem Krafttraining beim Belgier Jacco
Verhaeren, mit dem Van den Hoogenband bereits seit sechs Jahren
in Eindhoven zusammen arbeitet. Es ist aber nicht nur Krafttraining,
was den Mann aus Geldrop in der Provinz Noord-Brabant so stark gemacht
hat. Verhaerens Zauberformel fürs Schwimmtraining lautet: anstatt
80 Trainingskilometer pro Woche vielleicht die Hälfte, dafür
abwechslungsreiches, intensives Training. Der Erfolg gibt Verhaeren
Recht:
Sein zweiter bekannter Schützling ist Inge de Bruijn, mit der
der Coach übrigens zusammenlebt.*
Der größte Traum des Olympiasiegers über 200 Meter
Kraul ist allerdings der Sieg über 100 Meter. Pieter van den
Hoogenband: "Vielleicht habe ich mehr Begabung für die
200 Meter, aber nichts geht über die 100 Meter Kraul. Keine
andere Strecke kennt so eine ruhmreiche Geschichte. Es ist das Einzige,
weswegen Menschen vor dem Fernseher von ihrem Platz aufstehen."
Cees Bijleman, Klubarzt des PSV Eindhoven, bei dem auch Romario
und Boudewijn Zenden selbst in ihrer Barcelona-Zeit noch in Behandlung
waren und sind, sagt über den neuen holländischen Schwimmstern:
"Pieter schwimmt in einer eigenen Liga; Talent hat er und auch
im Kopf weiß er, was er will. Pieter ist clever, konzentriert
und bereit sich zu schinden. Sie müssen mal sehen, wie er trainiert.
Ich glaube in 10 oder 15 Jahren braucht er einen neuen Körper."
Das Einzige, ,was Pieter van den Hoogenband, der mal Arzt werden
möchte, vor dem 100-Meter-Finale Sorgen bereitete, war: "Hoffentlich
komme ich zu mehr als sechs Stunden Schlaf." Die Interviews
und Feierlichkeiten im
Holland-Haus in Sydney hatten ihren Tribut gefordert. Und wenn Pieter
van den Hoogenband dann, ausnahmsweise mal, die Fußballübertragung
seines PSV in der Champions League in Brüssel beim RSC Anderlecht,
auslässt, kann eigentlich nicht mehr viel schief gehen.