An Europas Fußballer des Jahrhunderts scheiden sich die
Geister - auf dem Platz, am Spielfeldrand und auch in der Schreibweise
Amsterdam/Barcelona. Sein Sportladen im Amsterdamer Jordaanviertel
in der Elandsgracht 98 heißt "Cruyff-Sports". Die
mit einer Auflage von mehr als 800.000 verkauften Exemplaren pro
Tag größte Tageszeitung des Landes, der Telegraaf, schreibt
ihn mit "y", aber selbst unterschreibt er seine Kolumne
in der holländischen Fachzeitschrift Voetbal International
mit "ij". Die Rede ist von Johan Cruijff (53), Hollands
bester Fußballer aller Zeiten und Fußballer des Jahrhunderts
in Europa.
Der schon zu Lebzeiten in seiner Heimat und auch weit darüber
hinaus legendäre Cruijff hatte die Probleme mit der Schreibweise
seines Namens von Anfang an seiner Fußballkarriere. Originalton-Cruijff
über den Beginn seiner Laufbahn bei Ajax: "Und immer wieder
wurde mein Name damals falsch geschrieben. Von der Genauigkeit von
vielen Journalisten hielt ich auch damals schon nicht so viel."
Als der jugendliche Ajax-Stürmer, der 1999 zu Europas Fußballer
des Jahres gewählt wurde, als 17-jähriger gegen den Amsterdamer
Klub GVAV debütierte, den Ehrentreffer von Ajax bei der 1:3-Niederlage
im Jahr 1964 erzielte, notierte die holländische Sportkroniek
den "Debütanten De Kruyff", die Amsterdamer Tageszeitung
Het Parool sah bei Ajax "den jungen Debütanten Kruijff",
die Volkskrant im Ajax-Dress "den kaum 18-jährigen Johan
Kruijff". Nur das Rotterdamer Algemeen Handelsblad/Dagblad
notierte: "Ajax hatte dem 18-jährigen Cruijff eine Chance
gegeben."
In der 1972 erschienenen zweiten Cruijff-Biografie macht sich der
Schriftsteller Nico Scheepmaker auf die Suche nach den Ursachen
der allgemein vorherrschenden Unsicherheit. Er landet schließlich
beimEinwohnermeldeamt der Stadt Amsterdam. Dort stand: "Es
wurde am 25. April 1947 ein Junge geboren, der den folgenden Namen
erhielt: Cruijff, Hendrikus Johan." Vorher hatte Scheepmaker
in die Personalausweise der Eltern schauen
dürfen. Vater Cruyff schrieb sich mit "y", Mutter
Cruijff mit "ij".
Das Chaos schien perfekt. Die allgemeine Verunsicherung vergrößerte
sich, als Johan Cruijff 1973 zum FC Barcelona wechselte, sich mehr
und mehr vom niederländischen Markt auf den internationalen
Fußballmarkt verlagerte. In Spanien gab es den Buchstaben
"ij", der in der niederländischen Sprache alphabetisch
beim "y" eingereiht wird, nicht. Auch dazu äußerte
sich Johan Cruijff selbst: "Die Veränderung von Cruijff
mit einem ij zu Cruijff mit einem y kam von England aus. Dort existierte
der Buchstabe auf Schreibmaschinen nicht."
Der Brief-, bzw. Faxwechsel mit seinem Intimus Johan Derksen von
Voetbal International - Cruijff-Interviews werden nur über
den stellvertretenden Chef der angesehen holländischen Fußballfachzeitschrift
vermittelt, wenn
überhaupt - setzt auf die niederländische Identität,
also Cruijff mit "ij". Wer sich die Cruijff-Internet-Site
ansieht, das Autogramm findet, wird komplett verwirrt sein und fragt
sich schließlich "ij" mit Pünktchen oder "ij"
ohne Pünktchen? Dagegen schreibt der deutsche Kicker Cruyff
international, also mit y - und ist damit so etwas wie Meinungsführer
in der Bundesrepublik, nach dem sich alle richten.
Ob es die letzte Anekdote zum Thema Cruijff oder Cruyff ist? -
In dem von den beiden Journalisten Frits Barend und Henk van Dorp
herausgegeben Interview-Band "Ajax, Barcelona, Cruijff - das
ABC eines eigensinnigen
Maestros" schreibt sich der von seinen Freunden "Jopie"
genannte aus dem Amsterdamer Stadtteil Betondorp, nahe dem ehemaligen
Ajax-Stadions De Meer gelegen, mit "ij". Diese Interview-Sammlung
ist im übrigen das einzige Werk, an dem Johan Cruijff offiziell
mitgewirkt hat. Alle anderen Biografien sind ohne ihn über
ihn verfasst worden.
15-Nov-1999