In Lyon wurden sie förmlich niedergewalzt; gegen Valencia
hatten sie zu Hause keine Chance, in Piräus sahen sie 50 Minuten
wie ein Punktsieger aus - und am späten Dienstagabend tat man
in Heerenveen das, was man im Land der Friesen am besten kann: man
feierte. Der SC Heerenveen, als Punktelieferant und Sparringspartner
der Großen in der Champions League ausgemacht, gewann 1:0
gegen Olympiakos Piräus, durfte sich eine UEFA-Million als
Prämie mitnehmen und darf sich jetzt sogar Hoffnungen machen,
als Dritter der Gruppe C vielleicht doch noch im UEFA-Cup weiter
zu spielen. SC Heerenveen - ein modernes Fußballmärchen
aus dem niederländischen Friesland.
Von EGON BOESTEN
Heerenveen. Nein, in unser Museum können wir jetzt noch
nicht, dann gehen wir erst einmal nach oben. - Das Programmheft
wird dort gerade von älteren freiwilligen Helfern zusammengeheftet.
Meneer Beker lässt seine deutschen Besucher nicht lange warten.
Es geht in die erste Etage des friesischen Schmuckkästchens.
So wird das 13.500 Zuschauer fassende Stadion des Sport-Club Heerenveen
überall im Lande nur genannt - und das, obwohl in Amsterdam,
Arnheim und anderen niederländischen Städten ebenfalls
neue, top-moderne Stadien entstanden sind.
Wer auf die Neuerwerbungen des holländischen Vizemeisters
und Champions-League-Teilnehmers schaut, wird große Namen
vermissen: Arjan Ebbinge aus Veendam, die 18-jährigen Ian Claes
aus Belgien und Santi Kolk
aus Den Haag, Thijs Sluyter (20) von Vitesse Arnheim, Ignacio Tuheteru
aus Zwolle - allesamt keine Namen, die der Konkurrenz in Europa
Respekt Einflößen.
Aber: bekannte Namen hat Foppe de Haan, seit 16 Jahren (!) verantwortlich
in Diensten des SC Heerenveen, noch nie in die 35.000-Einwohner-Stadt,
knapp 25 Kilometer östlich vom IJsselmeer, geholt. Foppe, den
sie vergeblich auf den Bondscoach-Posten holen wollten (Ich
bleibe in Heerenveen) hat unbekannte Fußballer bekannt
gemacht. Das begann mit dem Dänen Jon Dahl Tomasson, der in
Heerenveen zum besten Nachwuchsfußballer der niederländischen
Ehrendivision heranwuchs (zu Newcastle, dann zu Feyenoord wechselte).
Das ging weiter über Igor Kornev, der unter De Haan zum Publikumsliebling
avancierte); und das fand schließlich mit dem vor drei Jahren
gänzlich unbekannten Ruud van Nistelrooy (aus 's 's-Hertogenbosch)
einen vorläufigen Höhepunkt. Nach zwei Jahren war Van
Nistelrooy zur Nummer 1 der holländischen Torjäger geworden.
Den nächsten sollte man sich vorsorglich merken: Anthony Lurling,
Torjäger in einer Mannschaft, die zum Schluss in der holländischen
Liga nur Freunde, keine Gegner mehr kannte.
Ganz Holland liebt Heerenveen titelte schon vor Jahresfrist
das renommierte Voetbal International. Eine englische Fußballzeitschrift
hatte gar festgemacht: Heerenveen sei in Holland bei allen Fans
der zweitbeliebteste Verein: erst käme der eigene Klub, dann
Heerenveen. Und Wim Duisenberg, Präsident der Europäischen
Zentralbank aus Heerenveen und einer der berühmtesten Anhänger
des Klubs mit den roten Seerosen auf dem Trikot, muss in den nächsten
Monaten niemandem mehr erklären wo seine Heimatstadt liegt,
wenn sein Klub im europäischen Fußball debütiert.
In den vergangenen Jahren hat Heerenveen allen Abgängen zum
Trotz immer wieder mit einer Mannschaft aufwarten können, die
noch einen Tick besser ist als die vorige. Dabei gibt es eine paar
hundert Meter Luftlinie entfernt von der ersten überdachten
Eisschnelllaufbahn der Welt keine Reichtümer zu verdienen.
500000 Gulden (450.000 Mark) im Jahr - das ist die Obergrenze. Nur
Hans Vonk, südafrikanischer Nationaltorwart verdient einen
Tick mehr. Wer durch seine Gehaltsforderungen den Rahmen sprengt,
darf gehen.
Im Hintergrund warten schon die nächsten Kandidaten für
seinen Posten, unbekannte Namen, die vom Klub auf ausgeklügelte
Manier gescoutet und ausgebildet worden sind.
Einmal Champions League - immer Champions League. In Heerenveen
weiß man, wo der Platz im holländischen Fußball
zu suchen. Von Überheblichkeit keine Spur. Riemer van der Velde
(59), als Vorsitzender ebenso lange im Amt wie Trainer Foppe de
Haan: Wenn es eben geht, europäischer Fußball;
aber die Champions League ist kein must für uns.
Und nicht ohne Stolz: Wir sind schon seit 17 Jahren dabei
nach oben zu steigen.
Mit einem Etat von einer Million Gulden fing es mal an; inzwischen
liegt der bei etwa 35 Mio. Gulden und Kabelgigant UPC ist Hauptsponsor.
Heerenveen ein Klub mit Vergangenheit und Zukunft. Jeder Fußballfan
in Friesland (ein großer Teil der 600.000 Friesen) kennt Abe
Lenstra. Von vielen so oder so Fußballer des Jahrhunderts
in den Niederlanden wird verehrt wie ein Fußballheiliger.
In Bronze führt er den Ball vor dem Hauptportal des Stadions
von Heerenveen. Einmal schien er
leibhaftig zurückgekehrt zu sein: im September 1995. An vier
Abenden wurde als Freilichtstück ein Fußballspiel nachgespielt,
das Geschichte schrieb: das Spiel des SC Heerenveen gegen das große
Ajax Amsterdam mit Rinus
Michels. 1:5 lagen die Friesen im Mai 1950 zur Pause gegen die immer
etwas überheblich wirkenden Amsterdamer zurück. Nach 90
Minuten gewann Heerenveen mit dem späteren Nationalspieler
Abe Lenstra 6:5 - eine Legende war geboren, die 45 Jahre später
viermal vor ausverkauftem Haus im Stadion von Heerenveen nachgespielt
wurde. Heerenveens Jugendspieler Pander durfte den Abe spielen,
den sie in Friesland nur Us Abe nennen, unseren Abe,
weil er den Verlockungen des italienischen Geldes widerstand und
in Friesland blieb.
Wim Molenaar, der das Spiel gegen Ajax vor 50 Jahren mitgemacht
hat, freut sich heute noch diebisch. Der freiwillige Helfer am Ticketschalter
(Wer will heute eigentlich nicht eine Karte für den SC
Heerenveen haben!),
erinnert sich an die Pause des legendären Ajax-Spiels: In
der Pause schauten uns die Ajax-Spieler beim Stand von 1:5 nach
dem Motto an: Eigentlich hätten sie geglaubt, dass wir wenigstens
ein bisschen Fußball
spielen könnten. Tja, das haben wir denen damals gezeigt -
und heute spielen wir in der Champions League und Ajax nicht."
Und so ganz nebenbei: Als Ajax vor kurzem in Heerenveen zu einem
2:2 kam - hat man sich allerorten
gewundert: darüber, dass Heerenveen nicht gewonnen hat.
Nicht nur die Zuschauer stehen Schlange für Saisonkarten,
auch die Wirtschaft. Der Business-Club des SC Heerenveen zählt
mehr als 650 Mitglieder, ist der größte des Landes. Aber,
sagt Tjisse Wallendal, allgemeiner Direktor der kommerziellen Aktivitäten
des SC Heerenveen, es gibt noch 450 Betriebe, die dem SAC
noch nicht verbunden sind, dies aber wollen. Wie erfolgreich
das Prinzip Heerenveen inzwischen wirtschaftlich funktioniert, zeigt
die Börse Connection 2000. Zum dritten Mal in der riesigen
Thialf-Eishalle veranstaltet, ist sie ein Treffpunkt für die
Entscheider im Norden der Niederlande geworden.
Mit dem Fußballklub am Rande von Heerenveen wächst eine
ganze Region. Ehemals als strukturschwach verschrien, präsentiert
sich Heerenveen dem Besucher als weltoffene Metropole im flachen
Friesland, wo man trotz aller Erfolgsserien den Ball ganz flach
hält. Was bei deutschen Bundesliga-Vereinen undenkbar wäre
- in Heerenveen ist es auch in Champions-League-Zeiten normal: da
klingelt ein kleiner Steppke an der Rezeption des Abe-Lenstra-Stadions
und fragt nach, ob Trainer Foppe de Haan vielleicht Zeit hätte,
mit aufs Foto zu kommen. Es dauerte keine fünf Minuten und
der Fußballfan im Rollstuhl hatte sein Foto: Trainer Foppe
de Haan und ich. Beliebtester Klub, beliebteste Fans, beliebtester
Trainer - bei diesen Umfragen schnitten die Friesen in den Niederlanden
in den vergangenen Jahren immer ganz oben ab. Es kommt nicht von
ungefähr: Als sich
vor zwei Jahren die Initiatoren des Elmshorner Modells zur Talenteförderung
im Jugendfußball um Michael Schneider, Sohn des ehemaligen
DDR-Fußballgeneralsekretärs, aufmachten, um sich Ideen
für die Arbeit in
Deutschland zu holen, da erhielten sie ohne Wenn und Aber einen
Gesprächstermin mit Foppe de Haan. Volkmar Zimmermann, einer
der Delegationsteilnehmer aus Deutschland, fragte danach: "Ob
das hier bei uns auch so jemand wie Frank Pagelsdorf gemacht hätte?!"