Vitesse Arnheim: Ein Ärgernis
aus der Provinz mit großen Ambitionen
Grenzklub lässt in den Niederlanden aufhorchen - Top-Stadion,
Top-Fußballer und große Ambitionen - Das Vorbild Manchester
United
Von EGON BOESTEN
Arnheim. Die Brücke von Arnheim, vor 55 Jahren Kriegsschauplatz
des Alliiertenvorstoßes, überspannt den Rheinarm, der
sich hinter der deutsch-niederländischen Grenze bei Emmerich
vom Hauptwasserweg nach
Rotterdam getrennt hat. Vereinzelt tuckern Frachtschiffe von und
nach Amsterdam, längst nicht soviel wie auf dem Arm etwas weiter
südlich, der Rotterdam mit dem Ruhrgebiet verbindet.
Die knapp 150.000 Einwohner zählende Stadt Arnheim (niederländisch:
Arnhem) gilt im Nachbarland der Bundesrepublik als ausgesprochene
Schlafstadt: verdiente Politiker, verdiente, hochdekorierte Militärs
haben in den Wäldern rund um Arnheim ihren Ruhesitz. Die Gegend
mit dem Nationalpark De Hoge Veluwe ist so abgeschieden, dass 1954
hier im Bilderberg-Hotel der mächtigste informelle Diskussionskreis
der westlichen Welt ins Leben gerufen wurde: die Bilderberg-Konferenz.
Das Treffen vereinigt seitdem Magnaten aus
Wirtschaft, Politik und Adel unterschiedlichster Couleur jedes Jahr,
um die großen Linien der Weltpolitik zu besprechen.
Nur wenige hundert Meter von der Brücke von Arnheim, die heute
John-Frost-Brücke heißt, sind Stimmen zu hören,
genaugenommen nur eine, die in fast perfektem Niederländisch
die Anweisungen gibt: "Nu de laatste
oefening!" Und eindringlicher: "Spreken met elkaar!"
Der, der das sagt, ist Deutscher. Herbert Neumann leitet das Training
vom Arnheimer Profiklub Vitesse. Ein Verein, der eigentlich genau
ein Spiegelbild der Stadt war, in der er zu Hause ist: ein bisschen
provinziell, ein bisschen verschlafen, in der Tabelle des niederländischen
Profifußballs meist irgendwo mittendrin, nie richtig oben.
Aber: Zum fünftenmal, zum zweitenmal hintereinander,
gelang Vitesse gerade der Sprung in den Europacup, beinahe wäre
es sogar dieses Jahr schon Champions League gewesen.
Provinzialität und Hausgebackenes - das hat sich alles geändert,
seitdem vor fünfzehn Jahren ein Mann den Vorsitz beim maroden
Klub übernahm, der große Visionen hatte - und sie auch
in die Tat umsetzte, allen Widerständen zum Trotz. Einer der
ersten Gedanken von Karel Aalbers war die Errichtung eines neuen
Stadions. Das alte Monnikenhuize, das im Schnitt 6000 Zuschauer
pro Spiel anzog, konnte nicht einmal mehr renoviert werden. Aalbers'
Glaubensbekenntnis schon in den 80er Jahren: "Keine Zukunft
ohne multifunktionales Stadion." Ein ums andere Mal wurden
seine Pläne, entworfen von deutschen Projektentwicklern, abgelehnt.
Mit einem Modell des deutschen Architekten Joseph Wund geht Aalbers
Klinken putzen bei potentiellen Geldgebern. Das war 1989. Fünf
Jahre später scheint der deutsche Baugigant Philip Holzmann,
der die Realisierung zugesagt hatte, Probleme mit der Finanzierung
zu bekommen. Aalbers galt in der Region inzwischen als der größte
Bauherr - von Luftschlössern. Doch er strafte seine Kritiker
Lügen. Noch im selben Jahr steht die Finanzierung in Höhe
von 130 Mio. Mark (umgerechnet 117 Mio. Mark); die Holland Beton
Gruppe (HBG) begann mit dem Bau, der schließlich im März
1998 eingeweiht wurde.
Mit dem supermodernen Gelredom (EM-Stadion 2000) haben die Arnheimer
schon längst den Schritt ins nächste Jahrtausend gemacht.
Der Schiebedach-Fußballtempel hat alle Kinderkrankheiten vergleichbarer
Stadien
(Amsterdam ArenA) hinter sich gelassen. Auch der Rasen, der bei
Ajax in drei Jahren bereits neunmal (!) ausgewechselt werden musste,
bekommt in Arnheim genügend Licht; er wird - wenn nicht gespielt
wird - einfach hinausgeschoben und ins Freie gelegt. Vorsitzender
Karel Aalbers, im Juni gerade 50 Jahre
alt geworden: "Für die Region ist der Gelredom ein unglaublicher
Meilenstein. Was hier alles Innovatives passiert: Nirgends auf der
Welt gibt es einen Sportplatz, bei dem das Spielfeld herausgeschossen
werden kann."
Aalbers' vorerst letzter Clou, angekündigt während der
Neujahrsansprache in der Winterpause im Gelredom vor 8000 begeisterten
Fans: "In einer Zeit von vier bis fünf Jahren will Vitesse
ein vielseitiger Fußballbetrieb sein wie
zum Beispiel Manchester United."
Der Vergleich mit dem Schwergewicht aus England machte Aalbers
im Land nicht unbedingt beliebter. Die Konkurrenz aus dem wenige
Kilometer entfernten Nimwegen meldete sich in Person des Technischen
Direktors von NEC, Leen Looyen, der schon fast mitleidig meinte:
"Die Niederlande sind viel zu klein einen Klub wie Manchester."
Mart Smeets, Sportschau-Moderator Nummer 1, gebürtig aus Arnheim:
"Es wird in den Niederlanden kein Top-Fußball mehr gespielt
und schon gar bei Vitesse."
Karel Aalbers, Hollands erster bezahlter Fußballpräsident,
erläutert seine Vision. Er denke an Popkonzerte, Motorcross-Galas,
Opern und TV-Spektakel: "Vielleicht auch ein Hotel und eine
Fernsehstation." Kritikern begegnet der ehemalige Juwelier
gern mit der Frage: "Zukunftsmusik? Natürlich, aber das
hat man vor der Fertigstellung des Gelredom auch schon gesagt."
Und so geben sich neben den Fußballern inzwischen die Konzertgrößen
dieser Welt die Klinke in die Hand: Backstreet Boys, Spice Girls,
Bruce Springsteen - mit
einem Fassungsvermögen von maximal 41.000 Besuchern macht das
Gelredom der knapp 120 Kilometer entfernten Dortmunder Westfalenhalle
als Veranstaltungstempel schon nach einem Jahr des Bestehens ernsthaft
Konkurrenz.
Bleibt noch Aalbers' größte Utopie: europäischer
Top-Fußball in einer Gegend, bei der man weder in den Niederlanden
noch in Deutschland an Fußball der europäischen Spitzenklasse
denkt.
Aber: Seitdem Aalbers Vorsitzender des Klubs in der knapp 150.000
Einwohner zählenden Stadt am Niederrhein ist, gelang der Aufstieg
in die holländische erste Liga (1989) und fünfmal der
Sprung in einen europäischen
Fußballwettbewerb. An Mut hat es Aalbers noch nie gefehlt;
nach dem Ausscheiden von Leo Beenhakker und Henk ten Cate holte
er den Portugiesen Artur Jorge nach Arnheim, den es aber nicht allzu
lange in Arnheim hielt. Und jetzt wieder Neumann, seit Herbst des
vergangenen Jahres. Ein schöneres Kompliment aus dem Munde
eines Holländers kann es für einen Deutschen nicht geben:
"Herbert Neumann ist untypisch deutsch - er ist nett und Kosmopolit."
Diese Charakteristika haben den ehemaligen Nationalspieler und Bundesliga-Profi
des 1. FC Köln nach Trainerabenteuern im europäischen
Ausland (Belgien, Türkei) wieder dahin geführt, wo er
am beliebtesten ist: in Arnheim an der deutsch-niederländischen
Grenze zu Vitesse, einem Verein, dessen Aufstieg so läuft,
wie es der Vereinsname Vitesse schon sagt: rasendschnell.
Auch die Akteure sind längst nicht mehr die Namenlosen vergangener
Zeiten. Mit Raymond van der Gauw ist ein ehemaliger Arnheimer bei
Manchester United die Nummer 2 im Tor; Vitesse-Keeper Sander Westerveld
ist gerade gegen eine millionenschwere Ablösesumme zu Karl-Heinz
Riedle nach Liverpool transferiert worden. Und Nikos Machlas ließ
drei Jahre lang die nationalen und internationalen Gegner ob seiner
Torjäger-Qualitäten zittern, ehe er das schwarz-gelb gestreifte
Trikot der Arnheimer gegen den Ajax-Dress tauschte. Zuletzt lud
Bondscoach Frank Rijkaard sogar vier Vitesse-Spieler zum Länderspiel
ein. Holländischer Fußball - das ist längst nicht
mehr nur Feyenoord, Ajax oder PSV.