Budapest/Heerenveen. "Yvonne - Deutschland 3:0" - lang,
lang ist es her, dass holländische Eisschnelllauf-Fans dieses
Transparent bei einem internationalen Wettbewerb hoch halten konnten.
Während der olympischen
Spiele von Calgary holte sich Yvonne van Gennip aus Den Haag dreimal
Gold gegen die hochkarätige Konkurrenz aus Deutschland. Genau
genommen aus der DDR mit unter anderen einer jungen Läuferin
namens Gunda Kleemann. Das ist aber schon immerhin dreizehn Jahre
her.
Aus Gunda Kleemann wurde im Laufe der Zeit Gunda Niemann-Stirnemann,
Eisschnellläuferin des Jahrhunderts und für ihre holländische
Konkurrenz das Schreckgespenst der deutschen Überlegenheit
im Eisschnelllaufen schlechthin. "Solange die deutschen Frauen
auf der Bahn stehen", bemerkte die angesehene niederländische
Tageszeitung volkskrant vor kurzem sarkastisch, "sind die niederländischen
Spitzenläuferinnen nur im Wettbewerb um die Trostpreise."
Tonny de Jong, die 1997 bei der Europameisterschaft mit Klappschlittschuh
Gunda Niemann, damals noch auf konventionellen Eisschnelllaufschuhen,
ein einziges Mal eine empfindliche Niederlage beibringen konnte,
sieht es inzwischen schicksalsergeben: "Jemand muss gewinnen
und bei uns sind es eben die deutschen Frauen. Ich bin schon froh,
wenn ich mal dazwischen gelaufen bin." mehr noch als der Sieg
über Niemann im Jahr 1997 schleppt sie schon fast traumatisch
eine Niederlage gegen die Erfurterin mit aus dem selben Jahr in
Davos mit. Über 3000 Meter nahm Gunda Niemann Tonny de Jong
fast eine Runde ab - eine ganze Eisschnelllaufwelt.
Wenn es um die Ursachenforschung geht, verweist man in niederländischen
Expertenkreisen gern auf das frühere Sichtungs- und Trainingssystem
der alten DDR. Dabei geht es weniger um den ausgesprochenen oder
nicht-ausgesprochenen Doping-Verdacht, sondern um das Trainingsprogramm,
was die deutschen Frauen schon in jungen Jahren abwickeln. Ab Krook,
Topsport-Koordinator in den Niederlanden, früher selbst Bondscoach
und auch Trainer der westdeutschen Eisschnellläuferinnen: "Die
deutschen Mädchen
haben wie Jungen mit dem Eisschnelllaufen begonnen." Basis
für ein ganz anderes Kraft- und Konditionspotenzial.
Tonny de Jong, eine fröhliche Friesin aus dem kleinen Schaarsterbrug
bei Heerenveen, die seit einem Jahr mit ihrem Freund in Calgary
lebt: "Die Deutschen sind einfach stärker. Sie haben enorme
Beine und schaffen deshalb mehr im Ausdauertraining. Ich begreife
es nicht, wie sie es hinkriegen. Ihre Landsmännin Annamarie
Thomas, Weltrekordhalterin über 1500 Meter, ergänzt: "Bei
Ab Krook haben wir vor einigen Jahren mal probiert, eine Stunde
auf Ausdauer zu trainieren - nur um einfach zu fühlen, was
sie täglich machen. Damals hatte ich eine Woche lang Rückenbeschwerden."
Renate Groenewold, der man am ehesten zutraut, am Wochenende in
Budapest in die deutsche Phalanx von Niemann, Pechstein und Friesinger
einzubrechen, bleibt optimistisch: "Die deutschen Frauen sind
keine Supermenschen. Ich nehme an, dass sie Menschen aus Fleisch
und Blut sind, wie wir. Und deshalb
gehe ich immer noch davon aus, dass ich sie durch hartes Training
einmal schlagen kann."
Peter Mueller, deutschstämmiger Trainer des millionenschweren
niederländischen Spaar-Select-teams aus Milwaukee/USA sucht
die Gründe für die deutsche Überlegenheit an anderer
Stelle: "Wir können durch
Schnelligkeit und Technik vorn sein. Aber dann brauchen wir Selbstvertrauen
und müssen uns Respekt beim Gegner verschaffen." Die Philosophie
des Weltreisenden in Sachen Speedskating mit Wahlheimat Inzell:
"Die Deutschen fühlen sich siegessicher, weil sie schon
sechs Jahre siegen, sind mental sehr stark. Bei unseren Mädchen
ist es umgekehrt, sie zeigen im Wettkampf zu viel Selbstzweifel."
Und deshalb geht im Land, wo Eisschnelllaufen mehr als nur ein Volkssport,
niemand ernsthaft davon aus, dass am Sonntag in Budapest
bei der Abrechnung irgend jemand anders als die drei Deutschen auf
dem Treppchen stehen - 3:0 für Deutschland: Gunda Niemann,
Claudia Pechstein, Anni Friesinger. Spannend bleibt nur, wie die
drei Deutschen die Medaillen unter sich aufteilen.