Typisch Holland
  Niederländisches ABC
  Städte und Gemeinden
  Provinzen
  NL in Zahlen
  Wirtschaft
  Die Landschaft
  Geschichte
  Sport
  Who is who
  Königshaus
  Deutschland-Niederlande
  Fiets heißt Fahrrad
  Niederländisch sprechen
  Übernachten
  Essen und Trinken
   
Goedemorgen
   
  Arbeiten in Niederlanden
  NL im Ausland
  Niederländische Literatur
  Service
  Kontakt
  Impressum

 

 
Goedemorgen - Am Königinnentag (30. April) ist alles vorbei
 

Margarita: Auflagenexplosion bei der Enthüllungszeitschrift – aber Gelassenheit im Hause Oranje

Den Haag/Santiago de Chile. Die Amerikaner hatten vor mehr als einem Vierteljahrhundert ihr Watergate, jetzt haben die Niederlanden mit ihrer Affäre Margarita nachgezogen. In den Vereinigten Staaten, so behauptet der niederländische Schriftsteller Jan Kikkert im angesehenen linksliberalen Wochenblatt Vrij Nederland, würden die Enthüllungen der im Hause so ungeliebten Prinzessin Margarita schlicht und einfach nur „Margarita-gate“ genannt werden. Die Endung gate suggeriert dabei auch in der niederländischen Sprache so etwas wie Intrigen, Klüngel, oder andere dubiose Machenschaften, die das Tageslicht scheuen.

Und Margarita hat mit ihren Interviews in der Wochenzeitschrift Haagse Post/De Tijd einiges im Kikkerland Niederlande (ein Ausdruck, den man in den Niederlanden immer gern benutzt, wenn man sein Land als klein und unbedeutend charakterisieren will) ins Rollen gebracht. Zumindest die Druckerpressen besagter Zeitschrift: Die HP/De Tijd hat ihre Auflage seitdem verdreifacht.

Die politische Brisanz flackerte in der vergangenen Woche noch einmal auf, als bekannt wurde: Die Bespitzelung von neuen Bekannten des Haues Oranje war schlicht und einfach ein Gewohnheitsrecht von Beatrix. So war das zuständige Ministerium im Falle Máxima informiert (alles war also legal), in den anderen vier Fällen (u. a. Emily Bremers, Ex-Freundin von Willem-Alexander) aber nicht. Der geschäftsführende Ministerpräsident Jan Peter Balkenende ging nach einer kurzen Debatte im niederländischen Parlament zur Tagesordnung über.

Unterdessen wird Margarita in den Niederlanden herumgereicht. Im Jeugdjournaal (Jugendmagazin) erzählt sie dem jugendlichen Fernsehpublikum: „Meine Tante soll sich für das entschuldigen, was sie über meinen Mann, meinen lieben Edwin, gesagt hat.“ In der holländischen Late-Night-Talkshow Bahrend & Van Dorp holt ihr Anwalt Peter Nicolai aus und vermutet, dass nicht einmal 50 Mio. Euro ausreichen würden, um den geschädigten Ruf des bei den Oranjes so ungeliebten Edwin de Roy van Zuydewijn wiederherzustellen: „Edwin hat durch königlichen Tratsch seine Karriere als Industriekapitän verpasst.“

Mit dieser Einschätzung steht t der Edwin-Anwalt ziemlich allein da. Analysten im NRC Handelsblad haben den Betrieb von Margaritas Mann, der hauptsächlich von Subventionen lebte, nie besonders hoch geschätzt. Und ein ernsthafter Gesprächspartner war der Mann von Margarita so oder so nie.

Experten erwarten, dass Königin Beatrix, mit allen diplomatischen Wassern gewaschen, nicht einmal eine einzige Silbe zu den Forderungen ihrer Nichte äußeren wird. Beim Staatsbesuch in Chile ließ sie mitreisende niederländische Journalisten wissen, dass die ganze Affäre ,,eine traurige Angelegenheit“ sei, die alle tief betroffen mache. Beatrix: „Wir machen uns alle große Sorgen um Margarita. Sie ist schließlich die Tochter meiner Schwester Irene." Sowohl im Hause Bourbon-Parma wie auch im Oranje-Königshaus ist man entsetzt über die Äußerungen der aufrührerischen Nichte (und Tochter). Und wenn Beatrix sagt, „dass man in den Äußerungen von Margarita sich und irhe Familie nicht wiedererkennt“, dann gilt das, wissen Hofexperten in Spanien, auch für die Familie von Margarita.

Natürlich denkt man in niederländischen Royalty-Kreisen mit Schrecken an die Monate im Jahr 1964 zurück, in denen Beatrix’ Schwester Irene die Schlagzeilen beherrschte, das Königshaus in Verruf brachte. In die Schlagzeilen geriet Irene 1964, als sie in einem Interview mit der größten niederländischen Tageszeitung, dem Telegraaf, behauptete, dass „das Spanien von Diktator Franco so schlecht nicht“ sei. Als sie dann wenige Tage, im Gebet in einer katholischen Kirche versunken, fotografiert wurde und ihr Übertritt zum traditionellen protestantischen Glauben der Oranier zum katholischen bekannt wurde, war der Eklat da. Die Niederlande standen Kopf. Parlamentarier brachen ihren Urlaub ab, um in Den Haag wegen der Krise vor Ort zu sein. Viele Schule, benannt nach Prinzessin Irene, ließen das Namensschild von den Gebäuden abmontieren.

Irene hatte sich damals in ein Kloster zurückgezogen, für ihre Mutter Juliana nicht auffindbar. Ihren protestantischen Glauben hatte Irene immer bedrückend empfunden: „Als Katholik hatte man immer noch die Chance auf Absolution“, erklärte sie. Noch mehr als ihr Glaubenswechsel brachte die niederländische Öffentlichkeit die Gerüchteküche in Erregung: Stimmte es, dass Irene sich verlobt? Und wenn ja, mit wem? Juliana behauptete in einem Fernsehinterview, da sei nichts dran. Prinz Bernhard flog später nach Spanien und kam in der unter dem Namen Nacht von Soestdijk mit der Meldung aus Spanien zurück: Irene hatte sich verlobt.

Prinz Carlos Hugo von Bourbon-Parma war der Auserwählte, Mitglied der verarmten Familie und Thronanwärter. Viel Pech für die Spekulationen in Spanien, dass die niederländische Regierung beschloss: Irene hat keinen Anspruch mehr auf den niederländischen Thron. Irene damals: „Ich will alles für Carlos Hugo aufgeben. Nun, da ich mit ihm verheiratet bin, habe ich nur noch ein Ziel: ihm bei seiner schweren politischen Aufgabe zu helfen.“ 2003, 39 Jahre später, klingt das bei ihrer Tochter Margarita ähnlich.

Drei Monate lang beschäftigte sich die niederländische (und internationale) Presse damit, doch das Königshaus ging damals unbeschadet aus der ungewollten Publizität. Rechnungen werden auch heute angestellt: Am 14. Februar begann die Aufsehen erregende Interviewserie mit Prinzessin Margarita, knapp drei Monate später ist niederländischer Nationalfeiertag, Königinnentag (Koninginnedag). Am 30. April heißt die Lieblingsfarbe zwischen Groningen und Maastricht wieder Orange, während die königliche Familie der Stadt Deventer ihre Aufwartung macht und in Amsterdam 24 Stunden der Heineken-Bierhahn nicht abgestellt wird.

Copyright: Egon Boesten@t-online.de

 
Ihre Meinung l Ihre Ergänzung l Ihr Beitrag für holland-news.de l Familienbande