Goedemorgen - Wie
man in den Niederlanden die deutsche Politik betrachtet
Schröder-Regierung fehlt es an Mut zu unpopulären
Beschlüssen
Von: Egon Boesten
Berlin/Amsterdam. Die Entwicklung in Deutschland wird in den Niederlanden
traditionell mit großer Sorgfalt beobachtet, auch die gesellschaftspolitischen.
Zu sehr ist das Land zwischen Groningen und Maastricht wirtschaftlich
abhängig vom großen Nachbarn im Osten. Und so registriert
man mit einigem Schmunzeln die Bemühungen des Wirtschaftsministers
Wolfgang Clement, liberalere Ladenschluss-, besser Ladenöffnungszeiten
durchzusetzen.
Elsevier, niederländisches Pendant der Wochenmagazine Spiegel
und Focus, politisch irgendwo dazwischen angesiedelt, erinnert an
den Besuch der früheren Wirtschaftsministerin Annemarie Jorritsma.
In Berlin habe sie
angekündigt, erst dann wieder in die deutsche Hauptstadt zu
reisen, wenn die Läden bei euch samstags länger
geöffnet haben.
Das niederländische Politmagazin kommentierte bärbeißig
Clement missratenen Einstieg in grundlegende Reformen: Wenn
eine Verlängerung der Ladenöffnungszeiten von nur vier
Stunden (am Samstag) auf so viel Widerstand stößt, verspricht
dies nicht viel Gutes im Hinblick auf die anderen Vorhaben der Regierung
Schröder.
Im Grunde genommen gehe es um viel einschneidendere Dinge als Ladenöffnungszeiten.
Im Gesundheitswesen, in Rentenfragen, die allesamt unbezahlbar zu
werden drohten, stünden den Deutschen noch ganz andere Dinge
ins Haus, so das niederländische Wochenblatt vor der Regierungserklärung
von
Gerhard Schröder am Freitag.
Viel Perspektive im Weiterregieren von Rot-Grün sieht man
in den Niederlanden nicht. Die SPD hatte wohl selbst nicht
mit einem Wahlsieg gerechnet, spekuliert Elsevier. Die Installierung
von der soundsovielten
Kommission wird als Beleg angeführt. Außerdem,
so heißt es weiter, fehlt es der deutschen Regierung
an Mut, unpopuläre Beschlüsse durchzusetzen. Und
mit einem kleinen Augenzwinkern notiert man, dass die neuen
Ladenöffnungszeiten, wenn alles gut geht, im Sommer in Kraft
treten können. Das niederländische Wochenblatt: Auch
Annemarie Jorritsma kann ab Sommer dann auch am Samstagnachmittag
shoppen gehen.