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Goedemorgen - Regierungsentscheid bei Barend & Van Dorp und Co.?
 

Von: Egon Boesten

Hilversum (es). Wer da nicht in der Runde sitzt, ist – politisch – tot. Der Wahlkampf in den Niederlanden tobte in den Wochen vor und nach dem Jahreswechsel, aber nicht auf der Straße. Die Plakate der Parteien waren
zwar im Stadtbild zwischen Groningen und Maastricht zu sehen, aber lange nicht so aufdringlich, wie man es von anderen Wahlkämpfen her kennt. Hollands lijsttrekkers (Spitzenkandidaten) zog es vor allem ins Fernsehen.

Und beim westlichen Nachbarn der Bundesrepublik hat man inzwischen allerlei Talkrunden zu bieten.Knapp eine Million Menschen sitzen werktags zwischen halb elf Uhr und halb zwölf abends vor dem Fernseher, um sich Barend & Van Dorp (RTL 4) anzusehen. Das Journalistenpaar, das schon seit vielen Jahrzehnten, anfangs nur im Sport, jetzt auch darüber hinaus zusammenarbeitet, ist die spannendste Talksendung des Landes; hier muss man gewesen sein. Und so lässt sich auch der amtierende Ministerpräsident Jan Peter Balkenende dort von den beiden gewieften Interviewern mehr oder weniger auseinander nehmen. Beispiel: „Herr
Ministerpräsident, Sie haben innerhalb weniger Tage Ihre Meinung zum Krieg im Irak verändert; von wem haben Sie sich da beraten lassen?“ – „Bei den Gesprächsrunden auf internationaler Ebene habe ich genau so wie meine anderen Kollegen mit dem amerikanischen Präsidenten . . . „ – Herr Ministerpräsident, das war nicht die Frage: Wer hat Sie in den wenigen Tagen, die zwischen der einen und der anderen Haltung lagen, beraten?“

Ein Medienexperte hatte dem Christdemokraten geraten, nur allein zu Barend & Van Dorp zu gehen. Jacques Monasch: „Andernfalls wird Balkenende sehr hart zu Boden gehen.“ Wie es im übrigen auch geschah; der seit den Mai-Wahlen in Den Haag regierende Balkenende (die Mitte-Rechts-Koalition wurde im Oktober gesprengt) machte alles andere als eine glückliche Figur.

Mehr Erfolg hatte der ehemalige Maoist Jan Marijnissen, der am Silvesterabend in der Sendung Kopspijkers für seine sozialistische Partei Boden gut machte. Folge: Die frühere Splitterpartei, die nie über ein oder zwei Parlamentssitze hinauskam, darf am heutigen Mittwoch mit möglicherweise 16 Abgeordneten ins Haager Parlament einziehen.

Schon im letzten Wahlkampf im Frühjahr 2002 war ein neuer Trend im erkennbar: Anstatt gönnerhaft bei öffentlichen Auftritten über Kinderköpfe zu streicheln, drängen die Parteiführer ins Kinderprogramm. Ausgesprochen beliebt und gefragt ist Het Jeugdjournaal (das Jugendmagazin), das von 200.000 Kinder und doppelt so vielen Erwachsenen gesehen wird, gestern die Spitzenkandidaten mit von Kindern gestellten Fragen konfrontierte. Nederlandkiest (die Niederlande wählen) heißt es seit Anfang des Jahres in einer
Sondersendung fast täglich bei Nederland 3. Die Spitzenkandidaten treffen dort im 1:1 aufeinander (Balkenende gegen den Rechtsliberalen Gerrit Zalm, Thom de Graaf (D 66) gegen Matt Herben (LPF). Vor einem Jahr kam diese Art von Politiksendung auf eine halbe Million Zuschauer täglich (nach 22 Uhr), zurzeit sind es noch mehr.

Im Hart van Nederland (Herz der Niederlande, SBS 6) nur wenige Monate wird ein Millionenpublikum erreicht. Politiker müssen sich allerdings auf so profane Fragen einstellen wie „Sind Sie es eigentlich wert, meine Stimme zu bekommen?“ Hier sitzt der unschlüssige Wähler vor dem Bildschirm, ist oft nicht besonders hoch ausgebildet, meistens jung – ein spannendes Klientel für die Politiker aller Couleur.

Dass man auch ohne Fernsehauftritt Ministerpräsident in den Niederlanden werden kann, will Job Cohen, der Amsterdamer Bürgermeister, beweisen. Vom Spitzenkandidaten seiner sozialdemokratischen Partei, Wouter Bos, wurde der Mann, der Kronprinz Willem-Alexander und Prinzessin Màxima am 2. Februar 2002 traute, auf einmal als geeigneter Kandidat für das höchste politische Amt aus dem Hut gezaubert. Cohen hatte bereits während der Präsentationspressekonferenz gesagt: „Ich werde an keiner Debatte unter den
Spitzenkandidaten teilnehmen.“

Heute hat der Wähler das Wort. Prognosen für den Wahlausgang? – Ein Kopf-an-Kopf-Rennen der Christdemokraten (CDA) mit den Sozialdemokraten (PvdA), bei dem die Rechtsliberalen (VVD) und die Linken (SP und GroenLinks) ein Wort mitreden wollen. Die Frage, ob es eine Mitte-Rechts oder eine Mitte-Links-Regierung geben wird, ist mit der Bekanntgabe der Wahlergebnisse heute Abend nicht geklärt. Dann beginnt das Procedere der formatie, der Regierungsbildung. Und da hat auch die Königin noch ein Wörtchen zusagen.

Copyright: Egon Boesten@t-online.de

 
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