Wenn es anfängt zu frieren, tauen die Friesen und mit ihnen
die Niederländer
auf
Von: Egon Boesten
Leeuwarden/Hindeloopen. Am späten Dienstagabend, kurz vor
Mitternacht: Frits Bahrend und Henk van Dorp malträtieren in
ihren Kreuzfeuerinterviews ihre Gäste. Gemeinsam mit Jan Mulder
entlassen sie niemanden, der es mit Sonntagsreden versucht. Die
beliebteste Talkshowsendung des Landes wird auf einmal unterbrochen.
Telefoninterview aus aktuellem Anlass. Am anderen der Leitung ist
Gerrit Rijker, seines Zeichens rayonhoofd der Elfstädtevereinigung.
Wie dick ist das Eis? lautet die erste Frage.
Sechs Zentimeter, Enten können schon drüber
gehen.
Es bleibt nicht beim Plaudern. In diesen Tagen, da die Temperatur
schon fast eine Woche unter dem Gefrierpunkt liegt, fiebert das
ganze Land mit. Elfstedentocht heißt das Zauberwort,
das die Niederländer elektrisiert. Der große Schlittschuhmarathon
auf Eis, vorbei an elf friesischen Städten, so wie vor 93 Jahren,
als sich verrückte eislaufbegeisterte Friesen ihre Holzschlittschuhe
unter die Straßenschuhe schnallten und an einem Tag die
200 Kilometer lange Strecke von Leeuwarden aus Sneek, IJlst, das
pittoreske Sloten, Stavoren, Hindeloopen, Workum, Bolsward, Harlingen,
Franeker und Dokkum im äußersten Norden Frieslands wieder
zurück nach Leeuwarden bewältigten.
Das gab es zuletzt 1997. Seitdem gab es zu wenig Frost in den Wintermonaten.
Seit dem vergangenen Wochenende machen die beiden großen Schlittschuhfabriken
des Landes, Zandstra in Joure und Viking in Almere vor den Toren
Amsterdams Überstunden. Jaap Havekotte, Direktor des Marktführers
Viking (auch Lieferant der deutschen Top-Eisschnellläufer um
Gunda Niemann und Co.) kommt mit seinen Leuten kaum zu Atem: Fünf
Jahre lang hat es nicht gefroren; in Geschäften wurden wohl
mal ein paar Schlittschuhe verkauft, aber man hielt es nicht für
nötig, Vorräte anzulegen. Jetzt wird jeder nervös.
Die Lager sind gefüllt; 100.000 Paar warten auf Käufer.
Eisschnelllaufschuhe, die Noren, wie die Niederländer die Schuhe
mit den langen Kufen nennen, die Norweger. Zum Zusammenbauen der
in anderen Erdteilen gefertigten Einzelteile kommt man kaum; bis
abends 20 Uhr geben sich die Einzelhändler bei Viking und Zandstra
die Klinke in die Hand. Seit Anfang der Wochen gibt es für
die eislaufverrückten Niederländer zwischen Maastricht
hat und Groningen kein Halten mehr. Der Kalender mit den Wettbewerben
auf Natureis über zig Kilometer oder dreistellige Kilometerdistanzen
füllt sich täglich. In Noordlaren bei Groningen feiert
man seit Montag; hier gewann der örtliche Eisklub den inoffiziellen
Wettkampf Wer veranstaltet den ersten Marathon auf Eis.
Mit Tränen in den
Augen musste der Eismeister von Veenoord vor laufenden Kameras aller
(!) niederländischer Fernsehanstalten seine erste Niederlage
seit mehr als zehn Jahren zugeben.
Alle (holländische) Welt schaut jedoch auf Friesland. Wann
gibt es den nächsten Elfstedentocht? Gerrit Rijker aus
Hindeloopen: Wir brauchen auf der ganzen Strecke eine Eisdicke
von 16 Zentimetern. Henk Kroes, der
Vorsitzende der ehrwürdigen Elfstedenvereniging ist in diesen
Tagen in den Niederlanden der gefragteste Mensch. Selbst Verlautbarungen
aus dem Königshaus kommen bei klirrenden Temperaturen in den
Niederlanden erst an zweiter Stelle. Der Elfstädte-Vorsitzende
winkt jedoch, wie jedes Jahr, im Vorfeld erst einmal ab: Es
weht viel zu heftig, wodurch die Eislöcher offen bleiben.
Jedes Jahr dasselbe Spiel. Kroes: Dieses Jahr ist es ganz
besonders schlimm. Es hatte noch nicht einmal gefroren,
erzählte er, und die ersten riefen bereits an, ob es
einen Elfstedentocht gäbe.
Die Niederländer, immer auf der Suche, ihre eigene Identität
zu feiern, hätten Bedarf an einem großen Oranje-Fest,
was der Elfstedentocht zweifellos werden würde. Schließlich
wurde das holländische Lebensmotto Leben und leben lassen durch
den Mord an den populären Politiker Pim Fortuyn im Frühjahr
auf eine ernste Probe gestellt. Dass Beatrix Mann, der deutsche
Prinz Claus im Oktober verstarb, hinterließ Wunden, das Scheitern
der
christdemokratisch-rechtsliberalen Regierung am Tag der Beerdigung
riss Wunden und der Abschied vom erfolgreichen Poldermodell Niederlande
kratzt gewaltig am Selbstbewusstsein der Holländer, die sich
in den vergangenen Jahren in der Rolle des europäischen Musterknaben
recht wohl fühlten.
Henk Kroes, der bedachtsame Mann an der Spitze der Elfstedenvereniging
ist sich seiner Verantwortung seit vielen Jahren bewusst. Deshalb
wiegelt er vorerst ab. Vorläufig werde kein Elfstedentocht
ausgeschrieben. Der
offizielle Wetterexperte der Vereinigung, Piet Paulusma glaubt zwar,
dass das kalte Wetter anhält, sieht aber noch keine Elfstedentocht
stattfinden.
Fast 16.000 Starter sind für den offiziellen Wettbewerb zugelassen,
mindestens genau so viele stehen auf der Warteliste der Elfstädtevereinigung.
Wer keine Mitgliedskarte hat, darf nicht laufen. Bei den Wettbewerben
der vergangenen Jahre (1997, 1986, 1985, 1963) standen Millionen
an der Strecke; das niederländische Fernsehen war von frühmorgens
(ab 4 Uhr beginnt der Start in der Viehhalle von Leeuwarden bis
Mitternacht live dabei. 1986 gab es einen gewissermaßen illegalen
Mitläufer, ein gewisser Wilhelm-Alexander Buren, besser bekannt
unter seinem Titel: Prinz Willem Alexander. Der Thronfolger, ein
begeisterter Eisschnellläufer, war mitgelaufen und hatte sich
am Ende der 200 Kilometer in die Arme seiner Mutter, Königin
Beatrix, fallen lassen. Als im vergangenen Jahr die Chance auf einen
Elfstedentocht zu Beginn des Monats Februar wuchs, überlegte
der
Kronprinz, der am 2. Februar 2001 bekanntlich seine Máxima
vor den Traualtar führte, ob er nicht, wenn es denn einen Schlittschuhmarathon
gäbe, nicht besser mal eben nach Leeuwarden kommen könne.
Wenn es anfängt zu frieren, tauen die Friesen und mit ihnen
die gesamten Niederlande auf. Frank Dittrich, Deutschlands bester
Langstreckeneisschnellläufer aus Cvhemnitz, zurzeit beim Sechstagerennen
auf Eis in den Niederlanden, ist begeistert: "Überall
bereitet man sich hier auf große Wettbewerbe auf Natureis
vor", erzählt Dittrich, der in einem Hotel im Dörfchen
unweit von Groningen während des niederländischen Sechstage-Marathons
lebt. "Am Wochenende erwarten die hier 60.000 (!) Menschen;
das ist absolut irre."