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Goedemorgen - „Wer ein Kind rettet, rettet ein Volk“
 

Wie Pa Sem aus Surinam die Bijlmer-Katatstrophe vor zehn Jahren verkraftet hat

Von Egon Boesten

Amsterdam. Zehn Jahre ist es her, dass den Niederländern das Herz stillstand: Während an diesem Sonntagabend im Oktober 1992 viele Millionen vor dem Fernseher saßen und dem Fußballklassiker PSV Eindhoven gegen Ajax Amsterdam zuschauten, wurde Fußball in der ersten Halbzeit dieses Spiels zur Nebensache. Ein Flugzeug der israelischen Fluggesellschaft El Al hatte sich in eines der in den Niederlanden berühmten Bijlmer-Hochhäuser gebohrt. Bijlmerramp. Willem Symor, den sie im Amsterdamer Stadtteil nahe der Amsterdam Arena nur „Pa Sem“ nennen, ist das lebende Denkmal an die größte Flugzeugkatastrophe in den Niederlanden.

Der heute 66-Jährige rettete damals einen zehnjährigen Jungen aus den Flammen; der Kleine konnte bereits zwei Wochen, mehr oder weniger unverletzt, zur Schule. Pa Sem blieb gezeichnet fürs Leben. Die offiziellen Berichte sprechen von 43 Toten, doch jeder, der den Stadtteil De Bijlmer kennt, weiß, dass es unendlich viel mehr gewesen sein müssen. Pa Sem gegenüber niederländischen Medien: „Da waren soviele Illegale, so viele Menschen, die ich nie mehr gesehen habe.“ Pa Sem ist der ungekrönte Held in seinem Stadtteil. Jeder kennt den
Surinamer. „Jeder fragt, wie es mir geht“, erzählt der alte Mann; das tut mir unheimlich gut.“

Pa Sem fühlt sich nicht als Held, macht eher die niederländischen Tageszeitungen und Fernseh- und Rundfunkanstalten dafür verantwortlich. Der große Telegraaf habe ihn sogar speziell aus Surinam per Flugzeug
einfliegen lassen. Als das Unglück passierte gehörte Symor zu den Menschen, die nicht mehr für eine normale Arbeit in Frage kamen, aber Pa Sem wollte sich nützlich machen. Vor dem traurigen zehnten Jahrestag des Absturzes der El-Al-Maschine erzählt er zum wievielten-Male-eigentlich seine Geschichte. „Es gibt Armut in De
Bijlmer, jawohl, viel mehr, als die Menschen wahrhaben wollen. „ Und Pa Sem nennt Beispiele: „So eine Mutter, die mit ein paar hundert Euro auskommen muss, musste schwer arbeiten. Die Kinder konnten im Nachbarschaftshaus des Viertels bei mir zum Spielen kommen. Es gab Wochen, da ich sechs Kinder zu verköstigen hatte.“ Die Mutter bezahlte dann, soviel, wie sie missen konnte. „Nie zu viel“, wie Pa Sem ohne
Verbitterung sagt.

Am Sonntag, den 4. Oktober 1992, waren acht Kinder im Haus. „Wir hörten den Knall und dann brach das Feuer aus. Mit den Kindern rannte ich durch die Flammen raus.“ Als er sah, wie die Menschen aus allen
Stockwerken versuchten sich zu retten, zupfte ein kleines antiliianisches Mädchen ihn am Ärmel: ,,Pa Sem, mein Brüderchen ist nicht da.“ Der damals 56-Jährige rannte wieder hinein, obwohl er von einigen Afrikaner gewarnt wurde: „Don't go, you'll get killed.” Als er den Jungen gerade aus dem Ausgang nach draußen geschoben hatte, drohte ein glühend heißer Balken auf den Kopf des Kleinen mit Namen Reinaldo zu fallen. Pa Sem fing das Holzstück mit bloßen Händen, sein T-Shirt fing Feuer. Wie eine brennende Fackel rannte er raus.

Wochenlang lag er im Koma. Über seine Körperentstellungen spricht er nicht. „Man stelle sich vor, ich wäre nicht gegangen“, sagt er immer wieder. Vom damaligen Bürgermeister Ed van Thijn erhielt Pa Sem den Ehrenpfennig der Stadt. Die Worte, die Van Thijn ihm sagte, weiß er heute noch: „Wer ein Kind rettet, rettet ein Volk.“

Gedenkfeiern begeht Pa Sem nicht, wenn es alle tun. Zwischendurch setzt er sich ganz allein ans Denkmal für die Opfer der Bijlmer-Katatstrophe,trinkt eine Dose Bier. „Ich schaue auf die Namen der Opfer und rede mit ihnen.“

Copyright: Egon Boesten@t-online.de

 
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