Die Niederlande sind mit Oranje versöhnt - Positive Reaktionen
nach Auftaktsieg in Eindhoven
Von Egon Boesten
Eindhoven/Barcelona. Vor knapp sieben Jahren gewann die
niederländische Nationalmannschaft in der EM-Qualifikation
durch ein Tor des Ex-Schalkers Youri Mulder mit Ach und Krach 1:0.
Der Schütze von damals ist heute bei den Holländern einer
der gefragtesten Analytiker und auf bestem Wege, seinem Vater Jan
Mulder (früher Anderlecht und Ajax, jetzt TV-Größe)
den Rang abzulaufen.
So als ob er gerade selbst dabei gewesen wäre, sprudelte es
aus dem früheren Schalker nach dem 3:0 von Oranje gegen Weißrussland
heraus: Dass es noch nicht ein Top-Team ist - was soll das.
Nicht drüber
nachdenken, manche Sachen muss man einfach auch vergessen.
Youri Mulder, der sich in Deutschland den Ruf des Fußball
spielenden Malochers erarbeitet und erspielt hat, war beeindruckt
von der Leidenschaft, mit der die aus allen Ländern Europas
angereisten Oranje-Stars zu Werke gingen. Allerdings: Mir
fehlte bei dem hohen Tempo oft die Präzision, na ja und dann
hätten es auch mehr Tore sein können.
Mannschaftskapitän Frank de Boer beurteilte das Auftreten
der niederländischen Nationalmannschaft ausgesprochen positiv:
Wir haben offensiv und aggressiv gespielt - so, wie wir das
wollten. Für die
vereinzelten Pfiffe nach einer halben Stunde Spielzeit von der Tribüne
des rundum erneuerten Philips-Stadions in Eindhoven hatte er nicht
überhört: Nur die erste halbe Stunde ging es nicht
ganz so gut. Danach haben wir die Sache richtig angepackt, indem
wir den Gegner permanent unter Druck gesetzt haben. Wir hatten sechs
Torchancen und haben dreimal getroffen, während die Weißrussen
nicht mal eine halbe Chance hatten.
Bondscoach Dick Advocaat sprach von einer Handballverteidigung
der Gäste aus Weißrussland. Die Auswechselung von
Ruud van Nistelrooy, der eine Stunde lang nie eine richtige Bindung
zum Man of the Match, Patrick Kluivert, fand, erklärte der
ehemalige Rangers-Trainer: Es ist gut, wenn man weiß,
dass es auf der Bank Leute gibt, die auch noch was drauf haben.
Gemeint war Jerrel Hasselbaink, der Mann von Chelsea, der so gern
zu Barcelona möchte, gab sich zurückhaltend: Was
zählt, ist, dass wir als Mannschaft gewonnen haben. Gleich
in einer der ersten Aktionen vollendete e im Stile eines Goalgetters
eine Kombination über Patrick Kluivert und Hollands neue Fußballhoffnung
Rafael van der Vaart.
Dem Ajax-Jungstar, gerade mal 19 (!) Jahre alt, hätte beinahe
das 4:0 initiiert, wurde auf dem Weg in den Strafraum der Weißrussen
gefoult. Nach seiner halbjährigen Verletzung droht Europas
Talent des Jahres 2000 eine zehnwöchige Pause. Holländische
Fußballexperten um Ex-Keeper Hans van Breukelen (meneer Giftig)
bedauerten: Zehn Wochen kann man den besten Fußballer
der Niederlande jetzt nicht sehen. Rafael van der Vaart nach
seiner Verletzung: Es sieht nicht gut aus; Montag melde ich
mich bei Ajax und wir werden mit der medizinischen Abteilung überlegen,
was zu machen ist.
Torwart Edwin van der Sar, kaum geprüft, unheimlich konzentriert,
fehlerlos, war nicht nur wegen des Zu-Null erleichtert: Hätten
wir nicht gewonnen, wäre überall das Gemeckere wieder
losgegangen. Das Orakel aus Barcelona, wie Europas Fußballer
des Jahrhunderts in seinem Heimatland gern genannt wird, Johan Cruyff
(mit erstem Wohnsitz in der katalanischen Hauptstadt, blieb still.
Kein Kommentar, kein Lob, aber -was für viele
Oranje-Fußballfans erstaunlich ist, auch kein mopperen, kein
Gemecker. Vielmehr müssen die Besucher seiner Website www.cruijff.com
sich mit dem Cruyffismus begnügen: In allen Top-Mannschaften
stehen mindestens drei Spieler, die beim großen Publikum nicht
unbedingt Begeisterung hervorrufen, aber doch von großer Bedeutung
sind.