Die schwere Entscheidung des
Guus Hiddink (Spitzname: Güüs Glück), der Südkorea
achtelfinaltauglich machte
Von Egon Boesten
Südkorea ist noch mehr fit als Oranje 1998. -
Der das sagt, muss es wissen. Guus Hiddink führte die niederländische
Nationalmannschaft vor vier Jahren mit Zauberfußball unter
die besten der Welt; der gleiche Trainer steht an der Wiege des
südkoreanischen Märchens, das sich zurzeit fernab der
großen Fußballnationen in Asien abspielt.
Noch vor dem entscheidenden Spiel gegen Portugal hat das Westin
Chosun-Hotel dem niederländischen Trainer der südkoreanischen
Nationalmannschaft freies Biertrinken angeboten - bis an sein Lebensende
zu jeder Tages- und Nachtzeit. Auch könnte er, wenn er wollte,
sich einen vornehme Gruft für sein Grab aussuchen - auf dem
Platz, wo bereits 23 berühmte koreanische Herrscher aus dem
früheren Kaiserreich begraben liegen.
Nach dem Sieg über Polen gingen rasendschnell 100.000 T-Shirts
mit seinem Konterfei über den Ladentisch. Eine südkoreanische
Zeitung überschrieb einen Fußballbericht mit Riesenlettern:
Wir lieben Dich, du taktisches Genie Hiddink. Und dass
er en passant in seiner Wahlheimat zum idealen Ehegatten ausgerufen
worden ist, wird den 55-Jährigen aus der hinteren Ecke, dem
so genannten Achterhoek in der niederländischen Provinjz Gelderland
(bei Kleve/Emmerich), auch nicht unbedingt ärgern.
Tatsächlich hat Hiddink es geschafft, in den eineinhalb Jahren,
in denen er nach einem Rausschmiss bei Real Madrid in Südkorea
arbeitet, Strukturen zu verändern, Denkstrukturen. In
dieser Gesellschaft ist ein 30-jähriger
Fußballspieler a priori angesehener als ein 28-jähriger.
Sagt es und warf den angesehenen, 130-fachen Nationalspieler Myong-Bo
Hong zeitweise aus dem Aufgebot der Südkoreaner.
Der Schlüssel zum Wandel lag im Confederationscup vor einem
Jahr. Guus Hiddink: Wir verloren 0:5 gegen Frankreich. Da
habe ich einige junge Leute zwischen 19 und 25 aus der K-League
und den Universitätsmannschaften ins Aufgebot genommen. Die
Jüngeren rochen ihre Chancen und flogen übers Feld.
Keine Eintagsfliege, denn wer die Spiele der Südkoreaner während
der WM verfolgt hat, kommt ob des hohen Tempos von der ersten bis
zur letzten Minuten aus dem Staunen nicht mehr heraus. Und, so freute
sich Hiddink: Die Älteren reagierten wieder, wollten
nicht so einfach ihren Platz verlieren und begannen ebenfalls, härter
zu trainieren.
Dass im Bruch mit der koreanischen Auffassung auch Gefahren liegen
- darüber war sich Hiddink von vornherein im Klaren und holte
sich Rückendeckung. Ich habe zu Chung Mung-Joon, dem
Vorsitzenden des üdkoreanischen Fußballverbandes gesagt:
Den einfachen Weg und machen wir aus just for fun beim Turnier
im eigenen Land? Oder geben wir Gas, wobei einige Säulen auf
Seite geschoben werden müssen? - Das, was getan
werden muss, sagte der nur.
Die Unterstützung ging noch weiter. Hiddink beim plötzlichen
Besuch des Staatspräsidenten nach dem 1:1 gegen England in
der Vorbereitung: Hallo Politiker, es ist sehr schön,
dass ihr mit uns aufs Foto wollt, aber da muss
auch was rausspringen. Und so kommen die südkoreanischen
Achtelfinalfußballer um den Militärdienst. Hiddink hatte
für sie genau das herausgekitzelt, wenn die Runde der 16 erreicht
wird.
Was das bedeutet, erklärte der 55-jährige, der schon
1988 mit PSV Eindhoven Europacupsieger der Landesmeister wurde,
seinen Landsleuten, die nur Zuschauer bei der WM sind, so: Militärdienst
ist hier etwas anderes als in den Niederlanden, wo man angerufen
wird und gefragt wird, ob man la eben
längs kommen könne.. Südkorea ist offiziell noch
immer im Krieg mit dem Norden, die Jungs liegen dann drei Jahre
mit Gewehr an der Grenze.
Hiddink for president - so heißt es nicht erst seit dem Gewinn
der Vorrunde, sondern schon seit einiger Zeit. Der niederländische
Nationaltrainer von Südkoreas Fußballteam wird auf Händen
getragen. Der ehemalige Bondscoach aus der Provinz Gelderland (nahe
bei Emmerich und Bocholt/Borken) ist von einer
großen Radiostation des Landes allen Ernstes als Präsidentschaftskandidat
in Südkorea vorgeschlagen worden. Der Sender SBS propagiert,
dass Hiddink südkoreanischer Staatsbürger werden muss.
Über die Zeit nach der WM spricht Hiddink ungern. Erst
nach der WM werden wir über die Zukunft reden, sagt er
jedem, der ihn darauf anspricht. Zwar sagt er, er habe sich noch
nie so wohl gefühlt wie bei diesem Trainerjob:
Obwohl es hier sehr viel Druck gibt, bin ich immer noch gern
und mit viel Energie am Spielfeldrand. Eine Woche nach dem
WM-Endspiel beginnt bei seinem alten Klub in der Philips-Stadt das
Training - auf jeden Fall ohne
den geschassten Coach Erek Gerets, vielleicht aber mit Guus Hiddink,
der sich zwischen PSV Eindhoven oder dem südkoreanischen Paradies,
wo sie ihn auf Händen tragen, entscheiden muss, nach der WM.