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Deutschland - Niederlande - Ente Lippens: "Lieber reich und gesund als arm und krank"
 

Der beste Linksaußen Europas der 70er Jahre spielte einmal für Oranje, schoss ein Tor und behielt nur schlechte Erinnerungen an das Spiel mit Cruijff, Keyzer, Van Hanegem und Suurbier

Von Egon Boesten

Essen. Der holländische Fußball stand vor 30 Jahren genau vor der gleichen Situation wie am nächsten Mittwoch: Damals wie heute drohte dem Oranje-Fußball, abermals ein großes Turnier zu verpassen - und das trotz der
Cruijff, Neeskens und Keizer. Während Kluivert, de Boer und Co. Mittwoch Abend im Hexenkessel von Porto unbedingt gewinnen müssen, um zur WM nach Japan und Südkorea fahren zu dürfen, endete vor 30 Jahren mit dem 0:2 gegen Jugoslawien in Split der Traum vom Europameister Holland frühzeitig. Fast vergessen ist, dass mit Willi, genannt "Ente", Lippens ein Bundesliga-Spieler ein einziges Mal für die Niederlande das Oranje-Trikot
angezogen hat.
Willi Lippens, bei Rot-Weiß Essen in der Bundesliga zur Kultfigur auf dem Fußballfeld geworden, kam aus Kleve am Niederrhein. Lippens: "Mein Vater ist in Heerlen (in der Nähe von Maastrich, Anm.) geboren und kam in der 30er jahren nach Kleve (Anm.: kurz bevor der Rhein von deutscher Seite aus in die Niederlande fließt), um dort Arbeit zu suchen. Er fand Arbeit, später auch die Frau, die meine Mutter wurde. Ich bin in Kleve geboren, aber habe doch immer einen niederländischen Pass gehabt."
Mit 19 kam er im Jahr 1965 nach Essen, wohnte für 30 Mark in einer der drei Zimmer unter der Tribüne des Georg-Melches-Stadions an der Hafenstraße. Sein Debüt bei Rot-Weiß verdankte er einem Zufall - oder seiner Schlitzohrigkeit. Eine Geschichte, die er schon viele Male erzählen musste: "Irgendwann in der Vorbereitungsphase war der Linksaußen krank, . Darum durfte ich spielen, in der Spitze. Wir gewannen 7:1, ich schoss fünf Tore. Der Trainer fragte nach, auf welcher Position ich in Kleve gespielt hätte. Linksaußen, sagte ich. Das war nicht so, ich war rechtsaußen, manchmal offensiver Mittelfeldspieler, aber weil der Linksaußen krank war, glaubte ich auf diese Art eine Chance zu bekommen. So wurde ich Linksaußen."
Und was für einer. Lippens wurde zum neben Gerd Müller gefährlichster Stürmer der Bundesliga. Er war Rechtsfuß auf Linksaußen mit einem schier unstillbaren Drang zum Tor - und er machte Tor: in der Bundesliga insgesamt 92, später in der 2. Liga noch mal 130. Sein Trainer Ivica Horvath sah in ihm gar den besten Linksaußen Europas. Ajax Amsterdam wollte ihn für 900.000 Mark. Lippens: "Mit Jaap van Praag (Anm. Vater des jetzigen Ajax-Vorsitzenden Michael van Praag) war schon alles klar." Doch die Essener ließen ihren Star nicht gehen. Bundestrainer Helmut Schön begeisterte sich: "Lippens hat alles - nur nicht den richtigen Pass."
Sieben- oder achtmal habe Helmut Schön ihn angerufen: Ob ich mich nicht naturalisieren lassen wolle. Schön garantierte Lippens eine Chance in der deutschen Nationalmannschaft. Doch Vater Lippes war strikt dagegen. Willi Lippens, inwischen 55 Jahre alt, heute dazu auf seinem fünfzehn Fußballfelder großen Grundstück in Essen: "Mein Vater ist während des Krieges mit einigen anderen Niederländern, die in Kleve wohnten, in einen Keller getrieben worden und mit Knüppeln zusammengeschlagen worden. Sie wollten, dass er sich freiwillig fürs Militär
meldete. Er weigerte sich. Das ist etwa viermal passiert. Darum bin ich sehr stark anti-deutsch erzogen. Mein Vater trug echten Hass in sich. Wenn wir ein Länderspiel im Fernsehen sahen, hielten wir immer mit der Mannschaft, die gegen Deutschland spielte. Mein Vater hatte es immer über die Scheiß-Deutschen und dass sie immer Glück hatten."

Während Helmut Schön versuchte, Willi Lippens für die deutsche Nationalmannschaft zu gewinnen, machte Vater Lippens seinen Sohn auf die Konsquenzen aufmerksam. "Ich hätte nie mehr nach Hause komen dürfen",
erinnert sich Lippens, den sie wegen seiner Plattfüße ("Ich habe in Holland mit meinen Füßen alle Berge platt getreten") und seines Watschelgangs "Ente" nannten und nennen. Kurz danach rief Bondscoach Fadrhonc an mit Blick auf die WM 1974 in Deutschland: "Wenn wir dann in Deutschland spielen, wird unsere Popularität sicher wachsen, wenn wir Lippens in der Mannschaft haben. Und: Ich habe die Spieler darüber informiert; alle waren damit einverstanden."

Etwas übertrieben, wie sich später herausstellte. Auch wenn Lippens eins der sechs Tore gegen Luxemburg erzielte, bleibt ihm sein einziges Länderspiel in Oranje in schlechter Erinnerung: "Ich bin rauf und runtert gerannt, aber die anderen Spieler ignorierten mich. Ich hatte wenig Bälle. Während Spieler wie Pahlplatz und Dost Lippens deshalb mieden, weil sie selbst um ihren Stammplatz fürchteten, berührte es den gebürtigen Niederländer aus Kleve am Niederrhein um so mehr, dass er auch vom Rest der Mannschaft geschnitten wurde. "Ich fand es sehr schlimm, dass ich nicht als Niederländer akzeptiert wurde. Van Hanegem war der Schlimmste."

Wim van Hanegem ist heute als Trainer (zurzeit Sparta Rotterdam) und Fernseh-Analytiker neben Johan Cruijff einer der angesehensten niederländischen Fußballexperten. Endgültig hatte Lippens im Bus zum Stadion
verloren. "Der Fahrer schaltete das Radio ein, einen deutschen Sender." -"Stell doch mal den kaputten Nazi-Sender aus", rief Rinus Israel aus der hinteren Reihe. Willi Lippens hatte sich damals noch umgedreht, etwas
dagegen gesagt, erhielt aber nur als Antwort: "Du bist doch auch ein halber Deutscher." Ich hätte aussteigen müssen, glaubt Lippens heute noch, der damals als junger Spieler den Mund hielt. Es blieb Lippens' einziger
Länderspiel-Auftritt, obwohl Bondscoach Fadrhonc noch von einem Dreieck Cruijff - Keizer - Lippens träumte. Mit ein wenig Wehmut sagt Lippens heute: "Rainer Bonhof hatte auch einen niederländischen Pass, der hat sich
naturalisieren lassen." Bonhof spielte die WM 1974, Lippens nicht. Obwohl Renmsebrink verletzt war, machte er im Finale mit. "Keizer hatte seinen fußballerischen Höhepunkt hinter sich", erzählt Willi Lippens, um mit einer
Portion Selbstbewusstsein hinzuzufügen: "Ich war besser als Rensenbrink, gefährlicher vor dem Tor vor allem. Ich habe Schadenfreude empfunden, weil die Niederlande verloren. Mit mir wäre Nederland Weltmeister geworden."

Seine Schäfchen hat Lippens ins Trockene gebracht. Der vierhundert Jahre alte Bauernhof in Essen hat seiner Schätzung nach einen Wert von 3,5 Mio. Mark; Lippens züchtet Rennpferde. Auch bietet das Lippens-Domizil das Dekor für Hochzeiten und andere Feste. Über einem Saal prangt sein Motto: "Lieber reich und gesund als arm und krank".

 
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