Deutschland - Niederlande - Wie
Niederländer die deutsche Arbeitsmoral/Mentalität wahrnehmen
Von Egon Boesten
Nijmegen/Berlin. Das Zentrum für Deutschland-Studien
in Nijmegen am Rheinarm Waal vermittelt es jedem Niederländer,
der bereit ist für ein Schnellkursus 450 Euro hinzulegen: Mit
mehr Erfolg nach Deutschland, heißt das Seminar, das den Interessierten
bestimmte Verhaltensregeln im German business beibringt. Dazu gehört
der Hinweis, dass geputzte Schuhe einfach ein Muss sind. Lehrgangsleiter
John Mazeland in einem Interview mit dem Elsevier: "Deutsche
legen mehr Wert aufs Äußerliche. Kompetenz wird zuerst
daran gemessen.
Ein Niederländer, der in Deutschland arbeiten will, schreibt
Elsevier-Korrespondent Hans Verbeek aus Berlin, muss mit strengen
hierarchischen Verhältnissen rechnen, auch mit mehr Bürokratie.
Mit der niederländischen Art "Das kriegen wir schon hin"
habe man in Deutschland so Probleme. Ausgesprochen schwierig und
"lästig" sei es, deutsche Verantwortlichkeiten zu
durchschauen. Verbeek nennt ein Beispiel: "Wenn der Chef der
technischen Abteilung mit einer Sache einverstanden ist, glaubt
ein Niederländer, dass alles klar sei. Aber es muss noch mit
der kommerziellen Abteilung verhandelt werden. Danach kann der Chef,
der Geschäftsführer, die ganze Geschichte noch zu Fall
bringen."
Der Chef sei in einem deutschen Betrieb heilig. Der Berliner Korrespondent
der angesehen niederländischen Wochenzeitschrift schätzt
den deutschen Chef qualifizierter ein als sein niederländisches
Pendant. Dafür muss man in Deutschland häufig mit dem
Satz "Dafür bin ich nicht zuständig" aus untergeordneten
Abteilungen rechnen.
Das deutsche Tagungswesen ist anders geartet als das niederländische.
Ein Berliner Universitätsdozent aus den Niederlanden: "Jeder
nimmt sich die Zeit, um ausführlich seinen Standpunkt darzulegen,
da geht es nicht ums Diskutieren." Wenn er dann an der Reihe
ist, bleibt es ihm vorbehalten zu sagen: "So, jetzt hat jeder
seine Meinung gesagt; jetzt müssen wir nur noch die Lösung
finden."
Arbeit und Pribvatleben sind deutlich voneinander unterschieden,
im Gegensatz zu den Niederlanden. Pauzl Medendorp, Chef von Delta
Loyd Deutschland: "Ich vermisse, dass man zu einem Kollegen,
ein Tasse Kaffee
trinkt und sich erzählt, wie es am Wochenende war." Inzwischen
sei man so wiet, dass der Erste, der am Montag kommt, den Kaffee
aufsetzt - der niederländische Einfluss." Auch wundern
sich Niederländer in Deutschland
über die strenge Trennung zwischen Duzen und Siezen. Selbst
als ein niederländischer Direktor seinen Mitarbeitern in einer
deutschen Stadt vorschlug, ihn zu duzen, gab es großen Protest.