Typisch Holland
  Niederländisches ABC
  Städte und Gemeinden
  Provinzen
  NL in Zahlen
  Wirtschafts
  Die Landschaft
  Geschichte
  Sport
  Who is who
  Königshaus
   

Deutschland-Niederlande

   
  Fiets heißt Fahrrad
  Niederländisch sprechen
  Übernachten
  Essen und Trinken
  Goedemorgen
  Arbeiten in Niederlanden
  NL im Ausland
  Niederländische Literatur
  Service
  Kontakt
  Impressum

 

 
Deutschland - Niederlande - Johan Cruijff und das leidige deutsch-niederländische Verhältnis
 

Für Bayern Münchens Uli Hoeness war das Fass übergelaufen. Die permanenten Tiraden von Johan Cruijff (Anm.: Cruyff unterschreibt mit ij, nicht mit y: Wieso-weshalb-warum - dazu gibt es eine nette Geschichte) über den deutschen Fußball im Allgemeinen und den schrecklichen Fußball von Bayern München im Besonderen waren dem Manager des Champions-League-Halbfinalisten zu viel. Er sei 1952 geboren und könne nichts für den Zweiten Weltkrieg.

Europas Fußballer des Jahrhunderts hatte das Champions-League-Halbfinale kommentiert. Vor der Partie hatte er im niederländischen Fernsehen bei der NOS (TV 2) gesagt, dass es Bayern München an den fußballerischen Fähigkeiten fehle, um Real Madrid ernsthaft in Bedrängnis bringen zu können. Die Mauer-Taktik von Hitzfeld hatte Cruijff vorausgesehen, die Standfestigkeit des Bayern-Riegels nicht. So verschwamm seine Prognose schon zur Pause des Hinspiels entscheidend. Zunehmend knitterig, trotzig glaubte er schließlich, dass es nach der Pause einen Sturmwirbel und einige Tore geben werde. Auch das ließ sich, wie wir alle inzwischen wissen, nicht halten. Unwirsch meinte Cruijff dann nach dem Spiel, das sei kein Fußball gewesen - mit neun Leuten auf einer Linie. Auch Stefan Effenberg, für Cruijff im Spiel gegen Manchester der Matchwinner von Bayern, kam in der Rundumkritik nicht gut weg. Cruijff gestand dem Enfant terrible des deutschen Fußballs eine bedeutende Rolle zu ("Alles läuft über Effenberg"), kritisierte seine Technik allerdings als "vrij matig", ziemlich mäßig, und kam schließlich zu dem Schluss, dass es Effenberg nie zu einer Persönlichkeit auf dem Spielfeld bringe. Wer wie Effenberg so nach einer roten Karte bettele, wie in der Szene, die für Bayerns Spielmacher mit Gelb endete, schaffe es nie.

In seinen zweiwöchentlichen Kolumnen für Voetbal International, so etwas wie der holländische Kicker, macht sich Cruijff durch seine permanente Kritik nicht nur Freunde. Einig ist man sich allerdings, wenn der große Johan wie selbstverständlich den deutschen Fußball als unansehnlich charakterisiert - und dann zur Tagesordnung übergeht.

Zwischen den Cruijff-Knegeleien und der deutschen Besatzung in den Niederlanden zwischen 1941 und 1945 eine direkte Linie zu ziehen - damit liegt der Bayern-Manager nicht ganz richtig. Man muss etwas weiter gehen.
Harry Mulisch, Grandseigneur der niederländischen Literatur ("Die Entdeckung des Himmels") hat das deutsch-niederländische Verhältnis mal in einer Episode beschrieben: Deutschland-Holland, das ist so wie in einem Aufzug, in dem ein Holländer fährt, der Deutsche zusteigt, beide betreten zu Boden sehen und jeder darauf hofft, dass der andere aussteigt.

Deutschland-Holland - das war schon weit vor dem Zweiten Weltkrieg (im Ersten WK waren die Niederlande neutral!) ein gespanntes Verhältnis, aber kein besonderes. Es war das Runtersehen des großen Deutschland auf das niedlich-kleine Holland, wie es Heinrich Heine schon beschreibt - und es war das ehrfurchtsvoll-neidische Aufsehen zum allmächtigen Großen, der immer groß und bedrohlich war. So wie es in ähnlicher Weise auch aussieht zwischen dem großen Deutschland hier und dem kleinen Österreich oder dem nett-kleinen
Dänemark auf der anderen Seite oder mit umgekehrten Vorzeichen zwischen den USA und Deutschland.

Und erst dann kamen die Vorbehalte, die unmittelbar aus der Zeit der deutschen Besatzungszeit resultieren. In dieser Grundstimmung wuchs Johan Cruijff im Amsterdamer Betondorp, in den Straßen in der Nähe des
Ajax-Stadions de Meer auf. Es gibt nicht wenige Zeitgenossen, die Ende der 40er, Anfang der 50er Jahre groß geworden sind, die sich einer Geschichte erinnern, die sich so oder so ähnlich abgespielt hat, wie bei einem
Malermeister aus Hoofddorp in der Nähe des Flughafens Schiphol. "Mein Vater ", erzählt der heute 55-Jährige Mann, "hat deutsche Wochenendurlauber, die den Weg nach Zandvoort an der Nordseeküste erfragten, immer genau in die Gegenrichtung geschickt."

Der französische Dichter Voltaire hat mal formuliert, die Grenze zwischen Mitteleuropa und Westeuropa verlaufe genau von Delfzijl (im Norden der Niederlande) bis nach Vaals (südliche Grenzstadt zu Deutschland). Eine
Entsprechung findet sich im Fußball: Die Holländer, in den 50er und 60er Jahren ein Fußballzwerg, orientierten sich nicht etwa an den Weltmeister und großen Nachbarn im Osten, Deutschland, sondern suchten ganz bewusst den englischen Fußball. Vorreiter war Ajax Amsterdam, wo ein junger Mann jedes Jahr für Furore sorgte: Johan Cruijff, und wo sich englische Trainer die Türklinke in die Hand gaben.

Der steile Aufstieg des niederländischen Totalfußballs, an dessen Wiege der Trainer Rinus Michels mit dem Fußballgenie Johan Cruijff stand, erreicht seinen Höhepunkt: am 7. Juli 1974, 16 Uhr, 4 Minuten und 12 Sekunden - als Johan Neeskens Sepp Mayer zum 1:0 im Endspiel der Fußball-Weltmeisterschaft 1974 im Münchener Olympiastadion überwindet. Genau bis zu diesem Zeitpunkt geht der erste Teil der inoffziellen, weil nicht-autorisierten Johan-Cruijff-Biografie von Bert Hiddema.

Danach ging es abwärts: Die Mannschaft mit dem schönsten Fußball verlor das Finale mit 1:2. Das große Ajax verschwand von der internationalen Bühne, Johan Cruijff wurde in Barcelona als "El Salvador", als der Erlöser gefeiert und macht nach vier Jahren sein Abschiedsspiel, ausgerechnet im heimischen Olympiastadion gegen Bayern München. Paul Breitner erzählt: "Als ich die Einladung sah, dachte ich: Haben die Holländer es endlich begriffen!"

In der niederländischen Fußballzeitschrift Johan, ein nicht von Johan Cruijff autorisiertes Fußballmonatsblatt, wird das Bayernspiel vom 7. November 1978 seziert: "Das Lebewohl, das zu einem Drama wurde". 60.000 Fans
im nicht ganz ausverkauften alt-ehrwürdigen, baufälligen Amsterdamer Olympiastadion sehen die Demontage des niederländischen Fußballhelden. Gleich zu Anfang stört Gerd Müller in seiner unnachahmlichen Art die
Festfreude: 1:0 für Bayern. Dabei bleibt es nicht: Als das Endresultat von 8:0 an der Tafel stand, waren kaum noch 30.000 Zuschauer im Stadion. Für die Fußball-Literaturzeitschrift Johan erinnert sich Paul Breitner: "Als wir zum
Aufwärmen auf den Platz kamen, rief man von der Tribüne "Nazi-Schweine". An diesem Tag ignorierten uns die Ajax-Spieler - so als ob wir ein notwendiges Übel wären. Auf dem weg in die Kabine wurden wir durchs Publikum bespuckt."

Breitner hatte seinen Mannschaftskameraden gesagt: "Herrschaften. Wir werden heute Geschichte schreiben. Ich will, dass ihr euch keine dreißig, keine sechzig, sondern euch neunzig Minuten die Beine aus dem Leib rennt." Als
Breitner nach dem 4:0 Gerd Müller fragte, ob es etwas weniger heftig sein könnte, hatte der nur gemeint: "Wir machen so weiter." Breitner im Nachhinein: "Für Johan empfand ich dies als Drama, so jemandem gönnt man
einen schöneren Abschied."

Cruijff (der immer mit ij unterschreibt) ist sich Zeit seines Lebens treu geblieben, immer umstritten gewesen. Als 15 Mio. Niederländer 1988 nach dem Gewinn der EM auf Wolke 7 schwebten, erhob der Maestro, damals noch in
Barcelona, warnend den Finger und meinte, es sei kein Kunststück Europameister zu werden, vielmehr komme es darauf an, oben zu bleiben. Als sich in den vergangenen Jahren die niederländischen Fußballtrainer in den
Lobgesängen der internationalen Experten über den erfrischend-offensiven, technisch-brillanten Spielweise von Oranje sonnten, meinte Cruyff nur: "Die Technik der meisten holländischen Profis lässt zu wünschen übrig."

Folgerichtig rät er dem gerade für die Rekordsumme von mehr als 55 Mio. Mark zu Manchester United gewechselten Ruud van Nistelrooy Mittelstürmer-Training auf seiner offiziellen Johan-Cruijff-Website bei Marco van Basten zu nehmen. Und wenn seine Heimatstadt Amsterdam ihn im Juni erneut mit einem Orden auszeichnen will, ist der Konflikt vorprogrammiert, denn auch das Königreich der Niederlande möchte anlässlich des traditionellen Straßenfußballturniers von Cruijff einen weiteren Orden verleihen, den Ritter von Oranje (seit
1974) in den Stand des Offiziers im Orden von Oranien-Nassau erheben.

10-Juni-2001

 
Ihre Meinung l Ihre Ergänzung l Ihr Beitrag für holland-news.de l Familienbande