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Doping nicht leistungsfördernd

E

s ist wenig bekannt darüber, wie Doping funktioniert und wirkt, gerade bei den Sportlern selbst; deshalb weiß man auch noch zu wenig über die wirklichen Gefahren des Dopings. "Das ist eine schlechte Sache", sagt Harm Kuipers. Der das sagt, ist kein Geringerer als Harm Kuipers, 60 Jahre alt, Professor für Bewegungswissenschaften an der Universität Maastricht. Der frühere niederländische Eisschnelllauf-Weltmeister (1975 in Oslo) ist Mitglied der medizinischen Kommission des IOC und der World Anti-Doping Agency (WADA).

Kuipers ist der Überzeugung, dass der Schlüssel zur Lösung des Doping-Problems beim Sportler selbst liegt, in der Offenheit und im Wissen im Sport selbst.

Der Kampf gegen Doping artete in den vergangenen Jahren besonders im Radsport und in der Leichtathletik in einer Art Hetzjagd. Prominente Sportler wie Floyd Landis und Marion Jones wurden erwischt und mussten ihre gewonnenen Medaillen und Preise abgeben. In der Tour de France mussten im vergangenen Sommer Radrennfahrer Anti-Doping-Erklärungen unterzeichnen, Fahrerhotels wurden auf den Kopf gestellt wie bei einer Razzia, das deutsche Fernsehen weigerte sich, die Berichterstattung über die Tour fortzusetzen, nachdem Alexander Winokurow überführt worden war und als besonderer Tiefpunkt sah sich Sponsor Rabobank genötigt, seinen Top-Fahrer und Träger des gelben Trikots, den Dänen Rasmussen, aus dem Rennen zu nehmen. "Der Radsport ist krank", lautete der allgemeine Tenor. Es sei wohl kein Fahrer der Tour sauber und die Tour würde entschieden werden durch pharmazeutische Mittelchen.

Aus diesem Blickwinkel sind die Erkenntnisse des Doping-Experten Harm Kuipers aus den Niederlanden zumindest bemerkenswert zu nennen. "Doping wirkt nicht leistungsfördernd", so lautet sein Urteil. Dies würde untermauert werden durch immer weitere Untersuchungen. Die medizinischen Effekte auf der einen Seite handelt es sich dabei um Blutmanipulation wie die EPO-Einnahme und Bluttransfusionen, auf der anderen Seite anabole Steroide sind sogar eher negativ als positiv.

Kein Zusammenhang

Die ersten Hinweise darauf, dass Doping nicht leistungsfördernd sei, erbraachten Untersuchungen, die er im Eisschnelllaufen durchführte. "Bei Blutmanipulation mittels EPO werden mehr rote Blutkörperchen produziert. Das darin befindliche Hämoglobin sorgt für mehr Sauerstoff, und mehr Sauerstofftransport bedeutet eine Ausdauerleistung. Wenn das so ist, sollte man meinen, dass es besondere Effekte in einer Sportart an erster Stelle hätte, also im Eisschnelllaufen. Untersuchungen legten anderes nahe. Seit 200 halten wir Datenbanken aller Top-Läufer auf dem neuesten Stand, und dabei stellen wir überhaupt keinen kausalen Zusammenhang zwischen Hämoglobin-Gehalt und Erfolgen fest. Auch nicht über die verschiedenen Jahre gemessen. Bei der WADA haben wir weil unsere Untersuchungsergebnisse so überraschend waren dann beschlossen, dies in mehreren Sportarten zu testen. Zusammen mit diversen Fachverbänden haben wir danach geschaut, welche Datenbanken verfügbar sind zum Beispiel bei der UCI, der Internationalen Radsportunion, und der IAAF, dem internationalen Leichtathletik-Verband ergaben Tests ähnliche Resultate besser gesagt: überhaupt keine Zusammenhänge wie beim Eisschnelllaufen."

Früher erkannte man schon, dass die leistungsverbessernden Effekte von Amfetaminen in den 80er-Jahren ein sehr populäres Mittel, um sich zu dopen zu vernachlässigen waren. Kuipers: "Inzwischen wissen wir, dass Amfetamine das maximale Leistungsvermögen sogar herabsenkt, anstatt es zu heben. Ich habe sogar schon mal gesagt, dass man Leuten, die mit Amfetaminen erwischt worden sind, ihre Medaillen nicht abnehmen sollte, sondern eigentlich sogar eine zusätzliche Medaille mitgeben sollte weil sie trotz des Gebrauchs der Amfetamine gewonnen haben. Das ist eigentlich eine sehr gute Leistung."

EPO

Aber auch bei den Mitteln, die zur Zeit gefragt sind, hat Kuipers noch keine positiven Effekte feststellen können. "EPO-Untersuchungen haben ergeben, dass die maximale Sauerstoffaufnahme zwar nach oben geht, aber das Ganze hat keinen Einfluss auf die Leistung. Die höchste Hämoglobin-Aufnahme sorgt sogar für die geringste Leistungssteigerung." Das Leistungsvermögen steigt zwar ein bisschen. Beim Eisschnelllaufen wäre das wahrscheinlich der Unterschied zwischen Platz eins und Platz drei, aber man macht aus einem mittelmäßigen Sportler keinen Top-Hochleistungssportler. Dasselbe gilt übrigens auch für Wachstumshormone. Das ist nun ein Mittel, das zurzeit gefragt ist, um beispielsweise Muskelwachstum zu fördern und das sehr schwer aufzuspüren ist. Es gibt sehr viele Pistolengeschichten, die die Runde machen, aber alle Untersuchungen belegen, dass es eher kontraproduktiv wirkt. Es ist sogar so, dass Menschen, die von Natur aus zu viele Wachstumshormone produzieren, zum Arzt kommen und dort über Ermüdungserscheinungen klagen.

Mehr Leistung

durch Doping?

"Ein bedeutend größerer Teil der Effekte von Doping ist durch die Vorstellungskraft zu erklären, die mit der Dopingeinnahme einher geht. Bei Tests haben wir Menschen Mittel gegeben, ohne dass sie sehen konnten, was sie bekamen; wenn man die Vorstellungskraft, die mentale Seite, ausschließt, kommt heraus: Doping hat keinen Einfluss. Die Leistungen der Gruppe, die Placebos (Pillen ohne Mittel) genommen hat, waren sogar noch einen Tick besser als die Leistungen der Gruppe, die EPO erhalten hatte. Und wie sind die Erfolgsgeschichten zu erklären? Lassen Sie es mich so sagen: Im Sport hat man ab und zu Zauberei nötig. Es gibt allgemein sehr viel Unsicherheit und um die zu verarbeiten, sucht jeder nach etwas, woran er (oder sie) glaubt. Das kann ein bestimmtes Ritual sein oder ein Aberglaube, im Grunde genommen ist es mit Doping ähnlich.

Man sagt, dass das Publikum betrogen würde, aber man wird viel weniger beschummelt als man denkt. Sportler, die Dopingmittel zu sich nehmen, betrügen sich eigentlich selbst. kein einziges Mittelchen macht aus einem mittelmäßigen Athleten einen Gewinner, und das Ergebnis eines Wettkampfes wird nicht durch pharmazeutische Mittel bestimmt. Man kann davon ausgehen, dass die Nummer 1 bis 10 zum Beispiel der Tour de France auch ganz einfach die zehn Besten sind; die Reihenfolge wird bestimmt durch mentale Faktoren."

Wann wirkt Doping leistungsfördernd?

"Anabole Steroide bei Frauen zeigen Effekte. Sie schaffen männliche Eigenschaften. Wenn Frauen hohe Dosen zu sich nehmen, kann man das am Äußerlichen sehen: muskulöse Arme, kaum Brüste. Auch kann die Stimme tiefer klingen. Siehe Florence Griffith. Weil Anabole nur die männlichen Eigenschaften verstärken, hat es bei Männern einzig und allein im Kraftsport Auswirkungen. Das ist dann auch gleich die Erklärung dafür, dass die frühere DDR immer in Frauensportarten dominierte. Das Ausdauervermögen wird bei Männern eben reduziert. Man sagt, Anabole würden den Regenerierungsprozess beschleunigen, aber auch das stimmt nicht. Die Herzfrequenz steigt zwar etwas, aber im Erholungsprozess ist keine Verbesserung zu sehen."

Ist der Gebrauch von Doping gefährlich?

"Die Einnahme anaboler Steroide ist sehr gefährlich. Es kann einen höheren Cholesterinspiegel verursachen und vergrößert die Gefahr von Herz- und Gefäßerkrankungen. Daneben können Leberschäden auftreten; auf die Dauer kann dies sogar zu Leberkrebs führen. Wenn man EPO nicht kontrolliert, können hoher Blutdruck, Trombose oder Herzschmerzen die Folge sein. Daran sind auch schon Sportler gestorben.

Amfetamine können die Körperwärmeregulierung komplett aus dem Rhythmus bringen, wodurch der Körper sich selbst nicht mehr kühlt, man überhitzt wird. Das war der Grund, weswegen damals der Radrennfahrer Tommy Simpson während einer heißen Tour-de-France-Etappe am Mont Ventoux starb. Und das ist auch der Grund dafür, weswegen Leute im Nachtleben, auf der Piste, bei der Einnahme von XTC (Ecstasy) sterben. Im XTC stecken Amfetamine und das kann in überhitzten Räumen für Menschen fatal werden. Auch die Einnahme von Wachstumshormonen ist gefährlich. Es kann das Knochenwachstum gefährden und einen erhöhten Blutzucker und erhöhte Blutzuckerwerte zur Folge haben.

Sehr viele Sportler sind sich nicht über die Auswirkungen von Doping im Klaren, wissen nicht um die Gefahren. Leider gibt es im Sport sehr viele Scharlatane, die mit großen Versprechungen Sportler wissentlich in Gefahr bringen Beispiel Fuentes: An den Geschichten, die über diesen Mann kursieren, kann man sehen, wie sehr er betrogen hat und welchen Risiken er die Sportler ausgesetzt hat. Es sind Fälle bekannt geworden, bei denen er Sportlern Blut verabreicht hat, dass möglicherweise mit BSE verseucht war, und Blutkonserven, deren Haltbarkeitsdatum abgelaufen war. Das ist wirklich Quacksalberei. Aber der Mann hat Flair also glaubt man ihm. Das hat wiederum mit der Unsicherheit der Sportler zu tun; sie wollen gern glauben.

Solange man einen Heiligenschein hat, kann man viel hinkriegen. Bis der erlischt. Diejenigen, die am meisten betrogen werden, sind die Sportler. Mancebo stürzte nach einer Bluttransfusion vom Rad, weil er falsches Blut bekommen hatte. Das muss bei Winokurow auch passiert sein, denn wenn er sein eigenes Blut bekommen hätte, wäre er nie aufgefallen. Das sind Fehler erster Klasse, die wirklich gefährlich für den Sportler werden können. Das man in einigen Ländern als Sportler nichts zu sagen hat, ist ein echter Skandal. Sportler müssen mündiger werden, will man diesen Scharlatanen Einhalt gebieten."

Ist der Kampf gegen Doping wirksam?

"Eine strenge Dopingliste mit vielen Positionen wirkt gleichsam wie eine Art Einkaufsliste. Alles, was auf der Liste steht, suggeriert, es sei leistungsfördernd und dadurch wirkt es für den einzelnen Sportler sehr anziehend. Damals wurden Kriterien für diese Dopingliste aufgestellt. Die wichtigsten waren: dass es leistungsfördernd und medizinisch gefährlich sein musste. Hinzugekommen ist, dass es auch dem Geist des Sports widerspreche. Eine Arznei oder ein Mittel, dass mindestens zwei dieser Kriterien erfüllt, kommt auf die Liste. Ich würde dem gern hinzufügen, dass es in jedem Fall leistungsfördernd sein muss. Nun kommen auch Mittel auf die Liste, die medizinisch gefährlich sind und gegen den Geist des Sports verstoßen das macht die Liste unnötig lang. Insuline und Morfine stehen deshalb immer noch darauf; das ist Unsinn. Die Mittel sind absolut nicht leistungsfördernd; dass sie auf der Liste stehen, macht sie unnötig anziehend, während es doch sehr gefährliche Substanzen sind. Ich bewerte das als einen großen Fehler."

Gibt es eine Lösung des Problems?

"Einsicht ist meiner Meinung der große Schlüssel; deshalb verbinde ich mit Dopingkontrollen auch immer Aufklärungsarbeit. Es ist sehr wichtig, dass Sportler sich dessen bewusst werden, was Doping kann, besser gesagt, nicht kann und wo die Gefahren sind. Doping hat viel mit Einbildung zu tun, aber inzwischen werden die Sport mit dieser Art von Suggestionen großen Gefahren ausgesetzt."

Marleen Vriezen schrieb den Vortrag von Professor Harm Kuipers für das Magazin Schaatssport (Amersfoort, Niederlande) auf; Egon Boesten übersetzte den Text. Quelle: KNSB, SchaatsSport 2007/4.

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