Rotterdam/Noordwijk aan Zee. Das mondäne Huis ter Duin liegt in Noordwijk aan Zee. Ein Badeort an der Nordsee für die etwas besser Betuchten. Man sieht es an den umliegenden Villen. Und selbst die Appartments in den wenigen Hochhäusern sind nichts für den kleinen Geldbeutel. 950.000 Euro kostet eine Drei-Zimmer-Wohnung, mit Meerblick etwas mehr. Die Gäste im First-Class-Hotel werden seit Sonntag bis Mittwoch etwas weniger komfortabel bedient. Oranje ist zu Gast, die niederländische Fußballnationalmannschaft ist unter der Regie von Marco van Basten vor dem Länderspiel in Rotterdam gegen Deutschland eingezogen.
Es geht alles so, wie es der Bondscoach anordnet; sein Assistent und langjähriger Freund John van’t Schip stellt es sicher, dass es so läuft. Und Kees Jansma, viele Jahrzehnte lang das Gesicht der niederländischen Sportschau, Studio Sport, organisiert die (wohl temperierten) Presseauftritte der neuen Oranje-Stars. Natürlich gibt es einen Ruud van Nistelrooy oder einen Edwin van der Sar, aber die vielen „ungelenkten Projektile“, wie der Ex-Alkmaarder Trainer und jetzige Coach vom FC Porto, Co Adriaanse, es einmal nannte, sind nicht dabei. Also kein Kluivert, kein Seedorf. Der Milan-Star probierte es in den vergangenen Wochen und Monaten auf die freundliche, auf die provokative Art („Man muß mit mir erst mal arbeiten, um zu beurteilen, wie ich in einem Team funktioniere“): Es half nichts: „Ich wähle Spieler aufgrund der Position aus, die es zu besetzen gilt.“ Nicht aufgrund der Namen, weiß inzwischen jeder im fußballverrückten Holland, seit der Cruyff-Schüler Marco van Basten sein Amt im vergangenen Jahr angetreten hat.
Wenn die niederländische Fußballnationalmannschaft vom Bondscoach zusammengerufen wird, dann kommen die meisten Spieler mit dem Auto. Der Grund: Marco van Basten baut auf die Spieler im eigenen Land, nicht nur auf die etablierten Stars der großen europäischen Fußballvereine. Und fast so wie sein deutscher Kollege Jürgen Klinsmann setzt er auf neue Leute, junge Leute. So wie jetzt Tim de Cler (20), linker Verteidiger von AZ Alkmaar, der No-Name-Mannschaft, die sich zuletzt ins Halbfinale des UEFA-Cups spielte. „Wir haben nicht so viele auf dieser Position“, sagte van Basten den in Noordwijk wartenden Journalisten. Auf diese Art und Weise hat van Basten bereits an die 50 Neulingen eine Freude gemacht.
Auch die in Deutschland kaum mehr bekannte Position des dribbelnden Außenstürmers hat der Bondscoach aus Utrecht auf dem Zettel. “Wenn der zweite oder dritte Mann auf dieser Position verletzt ausfällt oder nicht kann, kommt eben der nächste Flügelspieler.” Und den Zweiflern im Land sagt er gleich dazu: “Bei uns in den Niederlanden laufen eine ganze Menge an Talenten auf diesen Positionen herum.“
Zum Beispiel der junge Dave van den Bergh, der junge Rotterdamer Romeo Castelen, der junge Nigel de Jong von Ajax, Jan Kromkamp aus Alkmaar und und und . . . “Wer gut ist, bleibt im Aufgebot”, ließ der Trainer seine Leute wissen. Auch eine Botschaft für Patrick Kluivert, immerhin Hollands erfolgreichster Länderspieltorschütze aller Zeiten: “Der muss sich erst mal auf dem Feld beweisen.” Das gilt im Übrigen auch den Ex-Rotterdamer Robin van Persie, der bei Arsenal auf seinen Einsatz wartet, von Van Basten nach einer Rückversetzung in Richtung Jong Oranje wieder berufen wurde. Auc die Ajax-Jungstars Wesley Sneijder und der Wahl-Hamburger Rafael van der Vaart mussten schon einige Male ihre Degradierung erfahren. Und Mark van Bommel, Hollands bester Fußballer in der Ehrendivision der vergangenen Saison, jetzt bei Barcelona, wurde gar aussortiert. „Er erfüllt einfach nicht unsere Erwartungen“, sagte Marco van Basten vor dem Finnland-Spiel, „deshalb müssen wir ihn auch nicht in die Auswahl berufen.“
Roy Makaay (29), einer von drei Bundesliga-Spielern im Oranje-Aufgebot, fühlt sich wohl mit den vielen jungen Leuten um sich, sagt aber,: “Da muss man sich ein wenig dran gewöhnen. Ich bin auf einmal einer der alten Säcke hier.”
Dass der große Maestro aus Barcelona im Hintergrund eine entscheidende Rolle spielt, dementiert niemand. Johan Cruiyff riet zum neuen niederländischen Bondscoach-Gespann.
Dass sie weiter mit Cruyff über Fußball im Allgemeinen und Oranje im Besonderen sprechen, streitet keiner der Beiden ab. John van ’t Schip sagt allerdings: “Wir werden ihn nicht fragen, wen wir aufzustellen haben.” Als Marco van Basten und John van ’t Schip zum ersten Mal die Oranje-Fußballer zum Training baten, wurde - Handball gespielt. Positionsspiel, als Warming-Up. Tonny Bruins Slot, der viele Jahre mit Cruyff in Amsterdam und Barcelona zusammen arbeitete: “Das ist Cruyff, typisch Cruyff, gut für die Koordination, um den dritten Mann zu finden.” Der dritte Spieler - das ist derjenige, der durch den ersten und zweiten freikombiniert werden muss. Eine der Fußballphilosophien, die Holland berühmt gemacht haben.
Nicht alle waren gleich hellauf begeistert von der Mannschaftsführung des Bondscoach; als van Basten einen Mental-Coach für ein halbes Jahr einstellte, Erik Reep, war die Verwunderung im Land groß. Aber jeder ist angetan davon, wenn der vermeintlich pressescheue ehemalige Milan-Star im Fernsehen zwei Stunden lang die Fragen der Fans beantwortet. Selbst die Kritik des größten Fußballfachblatts des Landes, Voetbal International, wird abgefedert. Der Bondscoach blieb bis jetzt in seinen Länderspielen ungeschlagen, Oranje scheint in der WM-Qualifikationsgruppe vor Tschechien einen WM-Platz in Deutschland sicher zu haben – und das, obwohl die bisherigen Spiele nur erfolgreich waren, nicht immer schönen Fußball boten. Aber vielleicht hat Marco van Basten ja auch bei seinem früheren Nationalmannschaftskeeper Hans van Breukelen hingehört. Der sagt immer wieder: „Nicht schön Fußball zu spielen ist das schönste, sondern zu gewinnen, das ist wunderbar.“
Und der Torwart de Europameisters von 1988 fügt hinzu: „Natürlich bekommt so jemand wie Marco mehr Kredit“, sagt er. „Aber auch so jemand wie Marco van Basten wird letztendlich aufgrund seiner Trainerleistungen bewertet.“ Und die Latte wird immer höher gelegt. In der FIFA-Rangliste belegt Holland zur Zeit Platz drei – Argentinien ist schon in Sichtweite, frohlocken die Fußballexperten. Und in den Niederlanden ist mindestens jeder zeite der 16,5 Mio. Einwohner Fußball- und Oranje-Experte.
Zur Info: Toptien FIFA-ranglijst juli 2005
1 (1) Brazilië 846
2 (3) Argentinië 787
3 (4) Nederland 781
4 (2) Tsjechië 778
5 (6) Mexico 768
6 (10) Verenigde Staten 765
7 (5) Frankrijk 749
8 (7) Engeland 744
8 (9) Spanje 744
10 (8) Portugal 739
Die Oranje-Auswahl
Tor: Edwin van der Sar (Manchester United), Henk Timmer (AZ)
Abwehr: John Heitinga (Ajax), Tim de Cler (AZ), Barry Opdam (AZ), Wilfred Bouma (PSV), Theo Lucius (PSV), Khalid Boulahrouz (Hamburger SV), Jan Kromkamp (Villarreal)
Mittelfeld: Nigel de Jong (Ajax), Hedwiges Maduro (Ajax), Wesley Sneijder (Ajax), Denny Landzaat (AZ), Phillip Cocu (PSV), Rafael van der Vaart (Hamburger SV)
Angriff: Ruud van Nistelrooij (Manchester United), Robin van Persie (Arsenal), Arjen Robben (Chelsea), Roy Makaay (Bayern München), Dirk Kuijt (Feyenoord), Ryan Babel (Ajax)
Die Aufstellung:
van der Sar – Kromkamp, Boulahrouz, Opdam, De Cler – Landzaat, Maduro, Cocu – Kuijt, van Nistelrooy, Robben
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