In Rotterdam werden die Hemden aufgekrempelt verkauft. (Rotterdamer Glaubensbkenntnis)
 


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B wie Breuker

„Willem Breuker ist der einzige Leader einer niederländischen Jazzkapelle, bei dem die Musiker während eines Auftritts die Hosen fallen lassen"

Amsterdam. Springflut und Deich zur gleichen Zeit, so nannte der deutsche Komponist Konrad Boehmer seinen Kollegen Willem Breuker (sprich: Bröker, Jahrgang 1944). Der typische Amsterdamer Anarchismus ist in Breuker eine Ehe eingegangen mit der typisch niederländischen Effizienz, fand Boehmer. Mit seinem Talent formte es den Nährboden, auf dem Breuker zu einem der produktivsten Musiker der Niederlande werden konnte. Der Komponist, Bandleader, Arrangeur, Saxofonist, Klarinettist und Geschäftsmann komponierte 400 Stücke für Orchester, Film, Theater. Er schrieb sie zwischen den 85 Konzerten, die sein Willem Breuker Kollektief jährlich gibt, vor allem im Ausland.

Inzwischen gehört Breuker zum musikalischen Establishment, was auch deutlich wird durch die jährliche Subvention vom Kultusministerium und die Ernennung zum Ritter im Orden des Niederländischen Löwen in diesem Frühjahr. Was nicht heißt, dass sich die Band zu schade ist für ein Konzert im vom Krieg verwüsteten Sarajevo (Februar) oder bei der Parade zu sein. Die Musiker fühlen sich dazugehörig: von zehn Männern und einer Frau des Kollektiefs, das nächstes Jahr ein Vierteljahrhundert besteht, spielen schon fünf von Anfang an mit.

„Willem Breuker ist der einzige Leader eines niederl. Jazzkapelle, bei dem die Musiker während eines Auftritts die Hosen fallen lassen oder auf Händen laufen", sagte einmal Trompeter Willem van Manen, der mit Breuker zusammenarbeitete.

Das Kollektief hat das Publikum immer unterhalten mit Scherzen während ganz seriöser Stücke – van Gershwin und Satie bis Ennio Morricone und Kurt Weill.

Einen Auftritt muß man erleiden: entweder wird man gepackt und dann ist man verkauft – oder man läuft schreiend heraus; ein Zwischending gibt es nicht. Neben den Lobgesängen auf Breuker (u. a. VPRO-Edgar-Boy-Preis) gab es auch immer viel Kritik für den „nordischen Erdnußbauer“ (Ischa Meijer).

Willem Breuker, geboren am Zeeburgerdijk IIIa in Amsterdam machte seine ersten Gehversuche in der Musik in seinem zehnten Lebensjahr, als er die Volksmusikschule besuchte. Vom Amsterdamer Musikgymnasium wurde er verwiesen, weil er ein schlechter Schüler war. Aber die Musik hielt ihn fest. Er meldete sich an beim Fanfarenkorps im Gartendorf-Ostzaan – um einfach an Musikinstrumente zu kommen, denn die Umzüge mochte er überhaupt nicht. Nach einem mißglückten Jahr an einer Abendschule für Lehrer und einem Job bei der Obdachlosen-fürsorge wurde er mit 19 Berufsmusiker.

Die niederländische Musikerszene lernte das Enfant terrible des Jazz 1966 kennen bei einem Jazzwettbewerb in Loosdrecht. Das Festival fand einen Monat nach dem Amsterdamer Bauarbeiteraufstand statt (Schlachten zwischen Bauarbeitern, Provos und linken Studenten einerseits sowie der Polizei andererseits). Breuker spielte mit 18 Musikern die Litanei des 14. Juni, gespickt mit Zeitungsbeiträgen über die Auseinandersetzungen.

Breuker schloß sich nie Provo an, aber sympathisierte damit. Er kam aus einer sozialistischen Familie und glaubte damals „heilig“ daran, dass die sozialistische Revolution nahe sei, wie er in einem Interview mit Vrij Nederland erzählte. Den experimentellen Free-Jazz, den Gegner auch als Piep-piep-Grunz-Musik bezeichneten, sah er als Vorstufe davon an.

© Übersetzung eines Beitrages aus der Amsterdamer Tageszeitung Het Parool

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