Ajax stolpert sich in der Meisterschaft von Sieg zu Sieg, verliert gelegentlich
und wird im UEFA-Cup regelgerecht vorgeführt - Vor dem Rückspiel bei Real
Mallorca (Do) ist die Position von Trainer Jan Wouters in der Kritik. Viele Fans
wollen ihn gehen sehen
Amsterdam. Man musste schon zweimal hinschauen: Real Mallorca entzauberte das
große Ajax vor einer Woche so, als ob es die Insel-Fußballer mit einer
Straßenfußballmannschaft der schlechteren Art zu tun hätten. Wie kleine Jungs
wirkten die Schützlinge vom ehemaligen Bayern-Spieler Jan Wouters, der vor einem
Jahr als Trainer mit großen Vorschusslorbeeren angetreten war. "Cruyff - Van
Gaal - Wouters" - so wollten viele Insider die Trainerkette aus den 80er Jahren
über die 90er Jahre ins nächste Jahrtausend für den mehrfachen Europa- und Weltcupsieger gestrickt sehen. Doch das sieht am Ende seines ersten Trainer-jahres bei Ajax für den Mann aus Utrecht inzwischen anders aus. Wouters' Kommentar
nach dem 0:1 im Hinspiel gegen Mallorca (es hätte auch 0:2 oder 0:4 werden
können) drückt denn auch die ganze Hilflosigkeit des Ajax-Trainers aus: "Es ist
immer schwer, gegen eine defensiv eingestellte Mannschaft zu verteidigen."
Zwar hatte sich der 27fache niederländische
Meister mit erfahrenen Oldies wie Frank Verlaat (VFB Stuttgart) und Aron Winter
(Inter Mailand) verstärkt, die allesamt vor zehn Jahren oder mehr bei Ajax groß geworden
waren; zwar gelang mit der Verpflichtung von Brian Laudrup, vor allem aber mit
dem Griechen Nikos Machlas vor der Saison noch ein echter Coup - doch der Ajax-
Spielstil läßt mehr als zu wünschen übrig.
Auch wenn die Amsterdamer immer noch um die Tabellenspitze mitspielen - die Art
und Weise überzeugt nicht. Man stolpert sich von einem Sieg zum anderen,
unterliegt zwischendurch beim Nobody RKC Waalwijk und glänzt durch fehlenden
Glanz. Und die Holländer, vor allem die Amsterdamer kommen nicht nur für
erfolgreichen, sondern vor allem für schönen Fußball ins Stadion. Die Fans rufen
von verschiedenen Seiten: "Es wird Zeit für harte Maßnahmen." Ähnlich wie
zurzeit von Morten Olsen macht jetzt beim Trainer Jan Wouters der Satz die
Runde: "Ajax ist schon mehr als ein Jahr nicht mehr Ajax." Die Fans vom Ajax-
Stern, einer der bekannteren fan-Gruppen des Landes, wollten Jan Wouters vor einigen Tagen vom Nationalheiligen Sinterklaas mitgenommen wissen:
""Wouters in den Sack von Sinterklaas."
Dass der ehemalige Bayern-Mittelfeldmann seit Wochen und Monaten immer mal ein
bisschen mehr Ajax-Hausmarke im Spiel seiner mit Oldies durchsetzten Youngster-
Truppe erkennt, läßt die Diskussionen um seine Position nicht verstummen. Dies
umso mehr, da der Amsterdamer Nobel-Klub, der im Herbst an der Börse eine
positive Bilanz vorlegte (wegen der guten Transfer-Geschäfte um die Gebrüder de
Boer und Torwart Edwin van der Sar), im nächsten Jahr sein Jahrhundert-Jubiläum feiert.
Wenn sich Ajax in diesem Jahr nicht in Europas Top-Liga etabliert, wäre das
mindest so tragisch wie ein Champions-League-Finale in Barcelona ohne Barcelona oder in München ohne Bayern.
Jan Wouters schwankt zwischen Verständnis fürs Publikum: "Die Leute bezahlen eine Menge Geld und wollen dafür etwas von uns sehen. Zurecht." Und sagt andererseits aber auch, dass er zuviel mit Spielern experimentieren müsse, weil so viele fortdauernd verletzt seien.
"Doch sehe ich unsere Spielweise nicht als Ursache", behauptete Wouters tapfer nach dem 1:2 in heimischen Arena gegen Waalwijk. Und wie um sich selber Mut zu machen: "Ich pfeife noch immer meine Liedchen im Auto; nur die Melodie habe ich etwas angepasst."
©egon.boesten at holland-news.de
