In den Niederlandenbleibt man kein eingebürgerter Ausländer, nach einer gewissen Zeit gibt es nur noch Niederländer. (Hans Keilson, Exil-Schriftsteller aus Freienwalde/Oder)
 


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Renate Groenwold: Die größte Rivalin von Anni, Claudia und Gunda - ein Interview

Verdammt noch mal, schon wieder müssen wir uns bei der Siegerehrung die deutsche Nationalhymne anhören – da habe ich mich nie drüber aufgeregt“, sagt Renate Groenewold aus Dalen in den Niederlanden „ Sie sind unsere Rivalinnen auf dem Eis, mehr nicht.“

Von Egon Boesten

Seoul. Saisonhöhepunkt bei den Eisschnellläufern am Wochenende in der koreanischen Hauptstadt Seoul. Größte Konkurrentin von Anni Friesinger (über 1500m) und Claudia Pechstein sowie Gunda Niemann (3000m, 5000m) ist die Holländerin Renate Groenewold. Ein Interview mit der ersten Allround-Weltmeisterin seit Atje Keulen-Deelstra.

30 Jahre nach Atje Keulen-Deelstra geht in der Eisschnelllauf-Welt wieder eine niederländische Eisschnelllauf-Weltmeisterin durchs Leben

Ich bin natürlich selbst nicht anders geworden, aber man merkt schon, dass man anders betrachtet wird von anderen. Ich bin jetzt als Weltmeisterin abgestempelt. Die ganzen Niederlande haben etwas Besonders mit dem Eislaufen, jeder hat die WM in Hamar gesehen. Gerade habe ich noch in Heerenveen probiert, bummeln und einkaufen zu gehen. Nur, von ruhig und gemütlich einkaufen gehen konnte keine Rede sehen. Menschen schauen dich an, gratulieren dir

In Deutschland würden Sie wahrscheinlich wenig beachtet werden . . .

Manchmal ist es schon ärgerlich, wenn Leute einen anstarren. Aber es ist auch ein Stück Anerkennung, was man bekommt. Nun, ich wohne in einem Dorf, und das ganze Dorf war verrückt gewordne, nachdem ich aus Hamar zurück war. Da fühle ich Stolz, Leute haben mit dir mitgefiebert - das bringt auch eine ganze Menge Spaß.

Aber dafür macht man es doch . . .

Zuerst macht man es, weil man es schön findet. Aber wenn die Menschen deinen Sport nicht würdigen und wenn man regelmäßig negative Rückmeldung bekommt, dann würde man es doch nicht schön finden, das kann doch nicht!. Ich bin glücklich über die vielen Glückwünschkarten, die ich nach dem WM-Sieg von Hamar erhalten habe. Ich bin glücklich, wenn mich Leute auf der Straße ansprechen und sagen: Mensch, ich habe die Daumen gedrückt und als es geklappt hat, musste ich mir eine Träne wegwischen. Das ist so schön zu wissen, dass Menschen das gesamte Wochenende vor dem Fernseher gesessen haben und die Weltmeisterschaft richtig genossen haben.

Vor einigen haben Jahren haben Ihre ehemaligen niederländischen Teamkolleginnen wie Tonny de Jong oder Carla Zijlstra gesagt: So wie die deuschen Frauen trainieren, das können und wollen wir in Holland nicht. Und so haben sie sich von vornherein damit begnügt, vor allem auf den dritten Platz bei Meisterschaften und Olympia zu schielen. Sie auch ein wenig?

Wenn man nicht an sich selbst glaubt, wenn ich nicht glauben würde, die deutschen Damen schlagen zu können – dann würde ich gar nicht erst anfangen wollen. Nett, brav und artig – dafür tue ich es nicht. Ich laufe, weil ich selbst glaube, dass ich mal gewinnen kann und gewinnen werde Die Frage war für mich immer nur: Wann passiert das endlich mal? Dass es in dieser Saison ausgerechnet bei der Mehrkampf-WM glücken sollte, das war auch für mich eine Riesen-Überraschung.

Die deutschen Frauen trainieren wie Männer - sehen Sie das auch so?

Ich bin jemand, der sehr viel trainieren kann, ein Trainingstier, könnte man fast sagen. Ich trainiere viel. Die Deutschen trainieren viel, aber ich weiß nicht wirklich, wie sie trainieren. Ab und zu hört man schon mal was, gerade jetzt, wo Barbara de Loor mit Anni in Inzell trainiert. Die Deutschen trainieren mehr Umfang, glaube ich. Aber wenn der Körper das nicht gewohnt ist, braucht man ganz schön lange, um das zu bewältigen

Deutschland gegen Holland ist immer ein bisschen ärgern, piesacken, nicht immer freundlich? Vor Jahren sorgte eine Holländerin für Aufsehen, weil sie sich darüber ärgerte bei Siegerehrungen „schon wieder diese Scheiß-Nationalhymne“ hören zu müssen?

Das diese Frage kommt, habe ich mir schon gedacht, aber im Ernst: Anni, Claudia, Gunda sind und bleiben meine Konkurrentinnen – mehr nicht. Die Deutschen haben Jahre lang den internationalen Eisschnelllaufsport dominiert. Von meiner Seite aus nur allen möglichen Respekt für die deutschen Frauen, die so lange vorn gestanden haben. Ich habe immer mit viel Achtung dorthin gesehen, nie mit dem Gedanken: Verdammt noch mal, schon wieder müssen wir uns bei der Siegerehrung die deutsche Nationalhymne anhören. Sie sind unsere Rivalinnen auf dem Eis und daneben komme ich im Übrigen auch gut mit ihnen klar.

Keine Angst vor der Rückkehr Gunda Niemann, die so mörderisch stark laufen kann?

Auf Gunda schaue ich nur mit ganz, ganz viel Achtung. Was die bereits geleistet hat und an Erfolgen gesammelt , meine Güte. Ich darf jetzt sagen, dass ich einmal Weltmeisterin geworden bin, aber sie ist 19-fache Weltmeisterin, unvorstellbar. Ich habe im Sommer mit ihr gesprochen; da sagte sie mir, sie habe noch so viel Freude am Eislaufen, darum mache sie es auch.

Was kommt bei Renate Groenewold nach dem Eislaufen?

In jedem Fall mache ich weiter bis zu den olympischen Spielen in Turin. Ich würde sagen, dass Turin der Abschluss meiner Karriere ist. Aber ich habe von meinem Teamkollegen Rintje Ritsma zu hören bekommen, dass ich so etwas nie sagen dürfe. Ich lege sehr viel Wert auf mein soziales Leben, vermisse in diesen Augenblicken meine Freunde. Mein Freund Mathijs Wegman hat einen Fahrradladen, auch eine spannende Herausforderung. Wir sind dabei zu bauen. Ich werde bestimmt im Sport weitermachen, ich begleite zurzeit Radsportgruppen mit Trainingsplänen. Nur eins weiß ich jetzt schon ganz sicher: Ich werde auf keinen Fall bis zu meinem 37. Lebensjahr beim Eisschnelllaufen sein.

Und was erwartet die Eisschnellauf-Mehrkampf-Weltmeisterin von der Einzelstrecken-WM in Seoul?

Für mich ist es zurzeit sehr schwer, mental klar zu stehen. Ich habe emotional viel mitgemacht, weil mein Vater zu Hause sehr ernsthaft krank ist, meine verkorkste Saison 2003 – das hat mich mehr angegriffen, als ich zugeben wollte. Ich hoffe, dass ich mich für die WM noch einmal gut aufladen kann. Auf jeden Fall werde ich auf meinen Strecken (1500m, 3000m, 5000m) alles dran setzen, um aufs Treppchen zu kommen.

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